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Wien, Wien, nicht nur Du allein...

17. Oktober 2014 um 14:34

lieber mir völlig unbekannter Leser,

ich bin als knapp 20jährige mit einem kleinen Koffer, jeder Menge Hoffnung und Träume und einem kleinen Ford Ka aus einer langweiligen Kleinstadt nach Berlin gezogen. Dort zog ich in die schönste, kleine Wohnung der Welt, wohnte in der hübschesten Straße der Welt, lernte die liebsten Freunde der Welt kennen und war seelig mit mir und meinem Leben. Ich liebte diese Stadt mit ihren sympatischen Eigenheiten, der vielen verrückten Menschen, ihrem Überangebot an diskreter und anonymer Fantastischkeit und dem Gefühl, nicht in einer Stadt, sondern in dem europäischen Universum zu leben. Berlin war einfach kuschelig warm, furchtbar verdreckt, duftete herlich nach "für immer". Die Stadt war schön Audrey, schlau wie Einstein, liebevoll wie Theresa und fühlte sich an wie in Mutters Armen zu liegen wenn man ein Aua hat. Kurz gesagt: Berlin war meine große Liebe.

Bis ich dem vermeintlichen Mann meiner Träume begegnete. Einem Wiener

Hals über Kopf verliebte ich mich und nach einem Jahr leidenschaftlicher Jetset-Beziehung zwischen Berlin und Wien purzelte ein kleines befruchtetes Ei in meine Gebährmutter und kuschelte sich gemütlich für 9 Monate in die Ecke.

Nun hieß es aufgrund dieser neuen, ungeplanten aber willkommenen Situation, dass ich umziehen muss. Umziehen. Nach Wien. Wegen schlicht logischer Gründe. Mama soll in Karenz gehen, Vater hat einen tollen Job in Wien, Wien als kinderfreundlichste Stadt europas und so und überhaupt und sowieso auch.

Ziemlich stoned von den ganzen Schwangerschaftshormonen stimmte ich dieser Idee zu. Mit riesigem Bauch und 2 Schachteln Schokobrezeln unterm Arm stieg ich dann 2 Monate vor Hennis Geburt in den alten, quitschenden Golf meines Liebsten und knatterte los nach Wien. Ich weinte unaufhörlich und erst in der Nähe von Prag konnte ich wieder normal atmen.
Es war der härteste Abschied meines Lebens. Ein bißchen mehr noch als damals, als Mutti mich allein im Kindergarten zurückließ und ich die Welt nicht mehr verstand. So fühlte sich das auch an. Und es gab noch ein Gefühl, das hieß schlicht "falsch". Es fühlte sich falsch an.

Besagte Schwangerschaftshormone gaben mir jedoch die Möglichkeit, mich trotz allem die letzten zwei Monate vor der Geburt mit den zwei Kisten Schokoladenbrezeln (täglich) auf dem Bauch vor den Fernseher zu legen und mal abzuwarten obs mit Kind besser wird...

Jetzt schmunzeln vielleicht schon die ersten Mütter. Natürlich hatte ich das Glück, dass meine kleine Henni sich irgendwie nicht kuschlig genug außerhalb von ihrer liebsten Gebährmutterhöhle fühlte und das lauthals preisgab. Tag und Nacht. Jede Stunde. Für 1 Jahr. Henni wurde nur getragen. Niemals konnte man sie absetzen. Erst nach dem ersten Jahr wurde aus Henni das Mädchen das sie noch immer ist. Mein Lebenselexier. Flüssiges Gold auf kleinen Füßen. Der weiseste Mensch der Welt (ich bin überzeugt davon dass Hennis Seele direkt aus einem uralten, freundlichen Ömmichen in ihren kleinen befruchteten Eizellenkörper geflattert ist). Wie auch immer. Es folgte 2 Jahre später die kleine Lavendel (mit übrigens ziemlich brandneuem Seelchen) und das Glück wurde verdoppelt. Lavendelchen ist so ein drolliges kleines Ding... aber, oh, davon wollte ich ja gar nicht schreiben.

Wovon ich eigentlich schreiben wollte ist, dass ich neben dem Glück mit den Kindern jeden Tag in Wien aufwache, und das seit 6 Jahren, und nicht fassen kann hier zu sein. Ich vermisse Berlin so sehr. Mein Berlin mit all seinen Facetten. Wien ist kein Vergleich. Wien ist wie ein Dorf. Wie das Dorf aus dem ich weggezogen bin. Natürlich gibt es den 1. Bezirk mit den prächtigen Gemäuern und wunderschöne andere Bezirke aber sie erreichen mich einfach nicht. Wien und ich, wir sind wie Hund und Katze. Kaum haben wir uns beschnuppert, fauchen und bellen wir los. Ohne Berlin zu sein, das ist wie ein Morgen ohne Nutella, ein Tag ohne Sonne, Nasse Socken in zu dünnen Schuhen an kalten Tagen oder wie Zahnweh am Wochenende

Jeden Morgen trotte ich die Straße entlang, (einer wirklich hübschen Straße, so ist es nicht) und schaue verächtlich auf Wien. Ich bin schon ganz verbittert. Und es liegt gar nicht mal an den Wienern. Die sind im Grunde gar nicht so anders wie die Berliner. Schlecht gelaunt, in sich gekehrt und lächeln nur im Keller. Fand ich eh immer nett an Berlin dass man einen in Ruhe lässt. Es scheint einfach nicht meine Stadt zu sein.

Mein Mann hingegen ist ein Wiener wie er im Buche steht. Eine Mischung zwischen Peter Alexander, Falco und ihm halt. Er redet wie Sissis Franz und ist mit Wien verwachsen wie kein anderer. Er liebt Wien so sehr wie ich Berlin. Das kann man sagen. Und da haben wir das Problem. Er würde Wien niemals verlassen.

In regelmäßigen Abständen schlage ich ihm vor, mit dem Rest Leichtsinn und Verrücktheit, der uns nach 2 Kindern geblieben ist, den Schritt nach oben rechts auf der Weltkarte zu machen und zurückzugehen. Aber dann winkt er ab und schaut mich an wie ein Kleinkind, das man liebevoll ermahnt, doch nicht den eigenen Popel aufzuessen.

Er sagt, ich wäre deshalb traurig und unzufrieden weil es mit den Kindern so anstrengend ist. Und in Berlin wäre es genauso und dann hätten wir alles aufgegeben und hätten den Salat.
Ich stimme ihm dann meist schüchtern zu und gehe eins der Kinder trösten, denn Zeit, das mal in Ruhe zu diskutieren haben wir natürlich fast nie.

Ich gebe zu, Wien kam ziemlich zeitgleich mit dem Schreibaby (und sie hat die Definition neben Schreibaby im Lexikon übertroffen) und ich war selbstverständlich fertig aber Lavendelchen war lange nicht so anstrengend (naja, vielleicht doch - die hat auch ständig Tag und Nacht verwechselt). Na wie auch immer. Die Kinder schlafen jetzt brav und sind 5 und 3 und machen schon fast immer ihr eigenes Ding. Ich hab wieder mehr Zeit für mich und was kommt unaufhörlich? Der innere Schrei Berlins nach mir. Ich träume mindestens 1 x die Woche seit 6 Jahren dass ich wieder zurück bin. In meiner alten Wohnung und alles ist wieder gut. Aber dann wach ich auf und muss der harten Wirklichkeit ins Auge sehen.

2 x im Jahr fahr ich allein hin. Jedes Mal weine ich wenn ich dort durch die Straßen gehe leise, so dass es keiner sieht. Weil ich nicht fassen kann dort nicht mehr zu leben. Die Stadt fehlt mir so. Was mach ich bloß. Es ist ein Teufelskreis. Bin ich denn verdammt dazu, für immer hier zu bleiben?

Was denkt ihr? Bin ich verrückt? Habe ich eine zu egoistische Denkweise? Bin ich am Ende eine schlechte Mutter weil ich für sie doch glücklich werden sollte?

Freue mich auf ein paar Antworten.

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18. Oktober 2014 um 11:14


Schöner Text und eine seltsame Liebe. Aber was soll daran verrückt sein?

Du hast alles aufgegeben, deine Wohnung, deine Freunde, eventuell auch deinen Job und alles andere, und bist in das Leben deines Mannes gezogen, weils praktischer war.
Wie du so schön sagst: Er ist so mit Wien verwoben wie du mit Berlin, warum bist du also egoistischer als er?

Weiß er wie es um dich und dein Heimweh steht?
Gibts in Wien denn wenigstens Freunde oder einen Job oder ähnliches? Ich kann mir irgendwie kaum vorstellen, dass dein Heimweh wirklich nur an der Stadt an sich liegt.

Aber wie auch immer: Ein Umzug ist doch kein Weltuntergang. Auch nicht für so kleine Kinder. Die finden sich spätestens in der Schule und im Kindergarten wieder ein. Also würde sich das jetzt, bevor die Große in die Schule kommt doch anbieten.

Also: Rede mit deinem Mann, dass du dich so unwohl in Wien fühlst. Vielleicht tut es ja schon ein Umzug in einen anderen Stadtteil oder in eine ganz andere Stadt, die eine Art Mittelweg zwischen der Multikultigroßstadt Berlin und dem dörflichen Wien darstellt.

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