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Nähe und Distanz - Ambivalenz in der neuen Liebe

29. April 2018 um 8:48

Hallo ihr Lieben!

Ich bitte euch um eine Meinung, bzw. Einschätzung der Situation.

Ich bin 41, habe eine Beziehung mit zwei Kindern vor drei Monaten beendet. Wir sind nicht verheiratet. Ich habe eine kleine Wohnung für mich angemietet. Lebensmittelpunkt der Kinder ist unsere gemeinsame Wohnung, in der ich viel Zeit mit den Kindern verbringe. Abends gehe ich dann rüber in meine Wohnung, die um die Ecke liegt. Wir verstehen uns gut. Wir haben uns einfach auseianndergelebt. Diese Beziehung ist auch nicht Gegestand meiner Frage.
Vor zwei Monaten, also in der Phase der Trennung, habe ich dann ganz unverhofft einen Mann kennengelernt. Er hat mir eine Freundschaftsanfrage geschickt. Das hat er, wie er sagt, noch nie gemacht. Er fand mich einfach interessant und hat mich aus einem Impuls heraus kontaktiert. Ich selbst nehme nie fremde Freundschaftsanfragen an. Und dennoch habe ich auf diese geantwortet. Im Nachhinein sind wir beide erstaunt über diese zufällige Begegnung.
Er ist etwas älter, 48 und hat eine Tochter aus einer langen Beziehung, mit der er freundschaftlich verbunden ist. Seine letzte (eine andere) Beziehung ist zwei Jahre her. Er wurde verlassen, von einem Tag auf den anderen. Sie hatten noch über Kinder gesprochen, sind zusammen in eine gemeinsame Wohnung gezogen, er hat sie mit seiner Tochter bekannt gemacht, ein Kinderzimmer für sie eingerichtet. Und plötzlich, sehr unerwartet hat sie ihn rausgeworfen, innerhalb einer Woche.
Die ganze Beziehung muss schon sehr anstrengend gewesen sein. Im Nachhinein hat er dann etwas über Boderline-Störung gelesen und es fiel im wohl wie Schuppen von den Augen. Diese Beziehung hat ihn schlimm mitgenommen. Er hat unter dieser Trennung gelitten. Hat sich in Beratung gegeben, die er immernoch macht, um diesen Bruch zu verarbeiten. Seitdem gab es zwar Frauen, aber keine mehr, die seinen Kern berührte, wie er sagt.
Es ergab sich ein Austausch. Wir fanden uns interessant und wechselten nach ein paar Tagen Telefonnummern aus. Danach ergab sich bis heute, also seit zwei Monaten ein täglicher schriftlicher Kontakt und sieben gemeinsame Treffen.
Zuerst war der Kontakt nur schriftlich, aber sehr intensiv, weit weg von oberflächlichen Nachrichten. Ein Austausch über das Leben, die Liebe und unseren Alltag. Irgendwann wollten wir uns dann treffen.
Man weiß ja selbst wie schnell man beim Schreiben zur Projektion neigt. Das wollten wir verhindern. Wir trafen uns nach zwei Wochen und kamen uns näher. Sowohl er als auch ich waren überrascht, wie schnell wir uns nahe waren. Wie leicht es war. Wir wollten uns unbedingt wiedersehen.
Wir sahen uns dann aber fast zwei Wochen nicht, weil wir beide beruflich verreisen mussten. In dieser Zeit schrieben wir uns täglich, wir begleiteten uns in unserem Alltag, hatten Sehnsucht, freuten uns auf ein nächstes Treffen, zählten gemeinsam die Tage bis zum Wiedersehen.
Vor diesem Treffen fühlte ich Freude und Angst, denn auch hier wusste ich nicht, ob man sich eher in den Wunsch der Nähe oder wirklich in die Person verliebt hatte. An diesem Abend erzählte er mir von dieser letzten Beziehung. Er sagte im Anschluss, ich wäre die erste Frau, die es geschafft hat, an seinem Kern zu kratzen. Er fühle sich so wohl bei mir, entspannt, es wäre unglaublich.
Ich übernachtete bei ihm. Wir wollten uns drei Tage später wieder treffen.
Nach unserem zweiten Treffen veränderte sich aber plötzlich die Art seiner Kommunikation, er schrieb mir zwar immernoch direkt am Morgen, aber seine Worte waren distanziert. Ich fragte ihn am Nachmittag vor unserer Verbaredung, ob alles in Ordnung sei. So distanziert kannte ich ihn bisher nicht.
Er schrieb zurück, dass ich das mit uns lockerer sehen solle. Ich solle mich nicht verunsichern lassen. Nach Gefühlsexplosionen brauche er immer etwas Zeit um sich zu sortieren.
Ich nahm das einfach so erstmal hin und wir sahen uns. Es wurde ein langer Abend mit schönen Gesprächen und wieder übernachtete ich bei ihm. Wir schliefen eng umschlungen, waren uns sehr nah. Er suchte jeden möglichen Kontakt mit mir.
Aber auch nach diesem Treffen war unsere Kommunikation eine andere.
Es passte nicht zusammen, er meldete sich von sich aus täglich, fragte, wie ich geschlafen habe, wie es mir ging, immer interessiert, aber diese emotionale Öffnung in seinen Nachrichten konnte ich nicht mehr spüren. Ich hatte den Eindruck, seine Kopfmühle war seit dem 2. Treffen angesprungen.
Wir trafen uns noch ein Mal, allerdings nur kurz, ich hatte in der Woche kaum Zeit. Er war dann eineinhalb Wochen beruflich unterwegs. In dieser Zeit hatten wieder täglich schriftlicher Kontakt.
Wir sahen uns dann, als er wieder zurück war. Er schrieb mir, dass er sich freut. Küsste mich direkt als wir uns sahen. In der Bar suchte er meinen Körperkontakt, küsste mich auch hier öffentlich. Ich spürte, dass er sich über uns freute. Wir gingen Arm in Arm in meine Wohnung. Immer wieder sagte er, wie überrascht er über diese Geschichte sei, dass wir uns so gefunden haben. Sexuell war es fantastisch und auch danach war es eng, liebevoll.
Wir gingen am nächsten Morgen zusammen Kaffee trinken, er küsste mich auf der Straße beim Abschied und sagte: „Es war schön mit dir.“
Danach ging er allerdings wieder auf Distanz, Kontakt hielt er, auch von sich aus. Ich fokussierte das nicht, weil ich wusste, dass er Zeit und Raum brauchte. Aber ich spürte eine Ambivalenz in ihm. Nähe und Distanz. Manchmal war es für mich schweirig, weil ich das Gefühl hatte, er lässt mich nicht richtig an sich ran. Irgendwann schreib ich ihn dann an, denn ich fand, dass ich ein recht auf Klarheit habe. Ich lasse ihn genauso Anteil an meinen gefühlen zu ihm haben. Er weiß, dass ich etwas für ihn empfinde. Ich fragte ihn also, ob er mir sein Nähe-Distanz-Thema erklären könnte, mit dem er sich beschäftigt. Ich spürte dieses Gefühl und wusste den Hintergund nicht, ich brauchte eine Antwort, ob es mit mir als Mensch oder mit seiner Situation zu tun hat. Er schrieb, dass es ohne Gefühl bei ihm nicht geht, dass er die Momente mit mir genießt, aber dass er gerade nicht mehr dazu sagen könne.
Wieder ambivalent, eher unverbindlich.
Ich schlug irgendwann das nächste Treffen vor. Das war letzten Freitag. Donnerstag war er beruflich unterwegs. Ich war an dem Abend auch noch unterwegs, da schrieb er mich an, dass er gerade bei mir am Bahnhof sei und auf den Rückweg nach Hause. Als ich ihm schrieb, dass ich noch wach sei, fragte er mich, ob er zum kuscheln und schlafen zu mir kommen könnte. Ich willigte ein. Damit hatte ich nicht gerechnet und freute mich. Er kam zu mir, wir lagen beieinander, küssten uns, kuschelten und schliefen zusammen ein.
Am nächsten Tag sahen wir uns abends wieder und hier sagte er mir, dass er es unglaublich finde, dass wir nun zwei Tage hintereinander miteinander verbracht hätten, das wäre ihm in den letzten zwei Jahren noch nie passiert. Die Art der Begegnung mit mir wäre wie in einem Film.
Wir gingen zusammen raus, wir gingen zusammen essen, tranken zusammen, küssten und und fielen dann zusammen ins Bett. Er müsste am nächsten Tag früh raus, weil er seine Tochter hatte. Wir tranken einen Kaffe zusammen und wieder spürte ich diese plötzlich aufsteigende Distanz zwischen uns. Bei der Verbschiedung sagte er, „Bis Bald“ und schob die Frage hinterher „Sehen wir uns nochmal wieder?“
Ich antworte ihm, ich hoffe doch. Gut sagte er und ging.
Das wirkte nach. Wir hatten zwei Tage hintereinander geshehen, schrieben uns täglich und er fragte mich wirklich noch, ob wir uns wiedersehen? War es wirklich für ihn noch so unverbindlich? Hatte ich mir da was eingebildet? Ich war enttäuscht, dass nach zwei Monaten täglicher Kontakt und vielen Treffen so eine Frage noch gestellt werden musste.
Ich schrieb ihn also gestern an, womit ich mich beschäftige, ob das wirklich noch eine Frage war, die relevant für ihn ist. Das ich Verständnis für seine Situation habe, aber auch für meine und das diese Indifferenz mir auf meine Motivation schlägt.
Er antwortete, dass das ein Witz gewesen sei. (Was ich ihm übrigens nicht glaube, ich bin ein sehr ironischer Mensch, das hätte ich verstanden).
Aber dann schrieb er, er genieße die Zeit mit mir, er wäre immer sehr entspannt, er wüsste aber selbst nicht genau, wo er stehe und damit würde es ihm nicht immer gut gehen. An mir liege es nicht. Er findet ich bin eine tolle Frau, nicht nur wegen meines Körpers. Er genießt die Zeit mit mir. Woran es liege, könne er selbst nicht sagen, vielleicht hat es noch mit 2016 zu tun (die Trennung von seiner letzten Beziehung), er könne gerade keine hohe emotionalen Erwartungen erfüllen. Ich hätte gerade den Schritt gemacht (damit meint er meine Trennung) zu meinen Bedürfnissen zu stehen. Wenn er diesen nicht komplett entsprechen kann, wäre es mein Recht mehr zu verlangen, als er geben könne...
Ich war froh, dass er endlich sagte, womit er sich beschäftigte, weil ich genau diese Ambivalenz gespürt habe und noch spüre.

Meine Frage, wie schätzt ihr das ein? Ist das ein typsicher Fall von Beziehungsangst aufgrund seiner letzten Beziehung? Wenn ich etwas darüber lese, sehen die Aussichten nicht sehr gut aus, dass sich das in etwas engeres und eine für mich zufriedenstellenden Verbindung wandelt.
Ich bin selbst in einer besonderen Situation, ich kann auch nicht sagen, wohin das führt. Aber ich kann ein Ja zum Jetzt und Hier formulieren. Möchte aber auch nicht in eine Sache geraten, die mich total aufreibt. Ich bin nicht masochistisch veranlagt. Insofern muss ich mich nun entscheiden, wie weit ich da emotional einsteigen will. Dafür brauche ich einen Außenblick. Wie wirkt dieser Mann und diese gemeinsame Verbindung auf euch? Das wäre sehr hilfreich für mich.


Liebe Grüße und danke für's lesen!
 

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30. April 2018 um 7:09

Danke für deine Antwort. Ich habe versehentlich meinen Beitrag doppelt erstellt. Deshalb gibt es ihn zweimal und bei meinem anderen Beitrag haben auch schon Antworten bekommen. 😉. Ich danke dir trotzdem sehr für dein Blick darauf!
Tja, ist halt schwierig abzuschätzen, was es ist. Um zu wissen, ob noch Luft nach oben ist, müsste ich das nochmal ansprechen, tue ich das, empfindet er das wahrscheinlich wieder als zuviel. Und ich empfinde es langsam als ermüdend, wenn wir ständig wieder das Feld aufrollen und immer wieder darüber unterhalten müssen, ob wir uns nochmal sehen... Das drückt auf meine Motivation, am Ball zu bleiben. Aber du hast recht, ich werde aufhören zu “ziehen“, heißt, ich werde nur noch auf Nachrichten eingehen, zu denen ich tatsächlich einen Impuls habe zu antworten und ein weiteres Treffen muss von ihm kommen. Ich werde dann sehen, wie viel Engagement auf seiner Seite tatsächlich da ist. Vielleicht wird es so klarer... 

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