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Meine Mutter. Kalt? Was macht das mit einem Kind?

30. August 2016 um 17:26 Letzte Antwort: 31. August 2016 um 13:56

Ich bin über vierzig und mache mir im Moment Gedanken um die Beziehung zu meiner Mutter.

Ich glaube, dass sie viel schlechter war, ist, als ich jemals wahrhaben wollte.

Ich fühlte mich immer materiell und ernährungstechnisch umsorgt. Ich suchte immer ihre Nähe, fühlte mich schlecht wenn sie weg war, hatte Verlustängste.

Und was soll ich jetzt sagen? Traurigerweise sind das wohl die markantesten positiven Zusammenhänge, die mir ad hok einfallen.
Und jetzt kommt das Andere:

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass sie mich jemals bei einem emotionalen Problem wirklich aufgefangen hätte.
Ich habe sie auch nie als wirklich adequaten Gesprächspartner empfunden. Muss wohl als Kind alles gänzlich mit mir selber ausgemacht haben. Ich hatte Gott sei dank eine sehr gute Freundin, schon von Kindergartentagen an, zu der ich immer geflüchtet bin. Sie war mehr emotionaler halt als meine Mutter. Das hört sich sicher merkwürdig an. Aber mit meiner Freundin bin ich heute immer noch befreundet und sich hat sicher schon von frühpupertärerer Zeit an eine Seelentrösterrolle übernommen. Ich weiß nicht was ohne sie geworden wäre.
Mein Vater war, durch furchtbare Kriegsgeschehnisse, emotional gar nicht present. Nie. Es gibt kaum eine gute Erinnerung mit ihm zusammen, nur ganz wenig. Er hat wirtschaftlich für uns gesorgt, das Andere konnte er nicht. Er ist tot.

Meine Mutter ist immer noch heute in der Erwartungshaltung, dass ich mich nach ihrem Wohlbefinden erkundige, dass alles von mir aus geht. Sie hat zu meinem Sohn eine schlechte Bindung. Irgendwie mag mein Sohn sie nicht so, deshalb fährt er auch nicht immer mit hin.

Meine Mutter ist nicht zur Einschulung meines Kindes gekommen. Ich habe ihr gesagt wie traurig uns das macht, ohne großartig emotional zu werden oder besonders schuldzuweisend. Sie hat kalt reagiert.
Sie reagiert oft kalt. Ich habe erst vor ein paar Jahren rausgekriegt, dass sie irgendwie gar nicht richtig fähig ist zuzuhören, geschweige denn emphatisch auf emotionale Gegebenheiten zu reagieren.
Ich habe durch eine Therapie gelernt damit besser umgehen zu können. Ich erwarte einfach nix und versuche Gespräche sachlicher zu halten.
Manchmal bin ich sogar ohne mein Kind ein paar Tage bei ihr und dann geht es mir ganz gut dort.

Es gibt aber auch Zeiten da falle ich nach so einem Besuch in ein wirklich tiefes Loch.

Eigentlich weiß auch meine Mutter kaum was über mich. Sie könnte sicher kaum beantworten, welche Ausbildungen ich wo absolviert habe, noch welche Länder ich mit wem bereist habe...
Ich habe von frühester Zeit wohl emotional Verantwortung für meine Mutter übernommen: Ich habe mich immer um ihr Wohlergehen gesorgt. Habe sie immer mit irgendwelchen Ausflügen beschenkt.... Die Ehe zu meinem Vater war furchtbar. Sie tat mir als Kind schon immer leid. Ich habe dann in Form einer Therapie gelernt, dass ich nicht in einer derart massiven Form Verantwortung für meine Mutter übernehmen darf, hätte dürfen.

Ich habe durch eine Therapie auch schmerzhaft ans Tageslicht bringen dürfen, dass ich, schon als Kind und Jugendliche vieles sehr alleine bewältigt habe und konnte einige Trauerarbeit darüber beginnen, abschließen. Auch Wut konnte ich aufbauen, so allein gelassen worden zu sein.

Heute leide ich immer noch massiv unter sozialen Störungen. Ich habe zwar einen Freundeskreis, fühle mich jedoch immer noch oft einfach allein.

Ich fühle dass ständig ich diejenige bin, die eine Freundschaft aufrecht erhalten muss, dafür sorgen muss, während schwächeren Kontaktzeiten fühlt es sich immer wieder so an, als hätte ich niemanden. Ich fühle mich wie das alleingelassene Kind.

Dann werde ich wieder zu der Einzelkämpferin, die auch allein viel erreichen kann im Leben. Nicht selten habe ich mich dann in etwas exessivere Erlebnisse gestürzt. Das hat allerdings schon länger ein Ende, da ich Gott sei dank nun schon länger mit einem Mann wirklich sehr glücklich bin!

Er hat anscheinend eine heilende Wirkung auf meine völlig vernarbte Seele.

Ich fühle mich oft so einsam, als wäre da kein Mensch und real kann ich wirklich nicht gut intensiv Freundschaften aufrecht erhalten und das fehlt mir so und ich sehne mich mit über 40 so sehr nach echter Mutterliebe.

Zu meiner Mutter halte ich trotzdem Kontakt, da ich sie ja auch liebe und gewiss bin, dass sie einfach nichts dafür kann, dass sie so ist.

Ich habe noch nie eine warme Umarmung von Seiten meiner Mutter gespürt, nie wirklich emphatisch behandelt wurde.

Ich bin wirklich sehr glücklich, dass ich all das durch Freunde erfahren durfte und darf, aber manchmal fühlt sich einfach alles an wie früher.
Ach ich weiß gar nicht was eigentlich mein genaues Anliegen ist, wollte das einfach mal loswerden, in der Hoffnung vielleicht irgend ein paar Worte dazu zu hören. Will ja auch hier gar nicht als Jammerlappen dastehen. Habe ja auch viel an mir gearbeitet.




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30. August 2016 um 23:11

Da kann man mal sehen,
wie sehr ein Mensch doch von und in seiner Kindheit fürs Leben geprägt wird, hm?

Du kannst sehr gut rational damit umgehen, bist unglaublich reflektiert und hast viel Arbeit in die Aufarbeitung deines unverschuldeten Defizits gesteckt. Dafür hast du wirklich meinen Respekt.

Und dennoch. Obwohl du weißt, dass sie sehr wahrscheinlich nichts dafür kann und dir nicht bösartig das vorenthalten hat, was man gemeinhin Nestwärme nennt, versuchst du immer noch unterbewusst, danach zu streben und irgendwie doch noch an all die Gefühle zu kommen, die für ein Kind im Verhältnis zu seiner Mama doch selbstverständlich sein sollten. Es wird dir nicht gelingen. Das weißt du auch. Du kannst es nur gegenüber deinem eigenen Kind besser machen, damit dieser Kreis durchbrochen wird.

Erstaunlich ist ein wenig, dass dein Papa für dich quasi komplett entschuldigt ist. Weil dir bekannt ist, was er für grauenhafte Erlebnisse gehabt haben muss. Deine Mama hingegen kannst du, auch wenn du es vielleicht möchtest, nicht wirklich entschuldigen. Irgendwie machst du ihr doch Vorwürfe bzw. denkst, sie hätte es damals auch besser machen können. Denn wenn du davon überzeugt wärst, dass sie nichts dafür kann, dass sie so kalt ist, und dass das einfach ihr Wesen ist, würdest du nicht heute noch still darauf hoffen, dass sie dir doch irgendwann endlich emotional entgegen kommt und sich dir öffnet, hm?

Letztlich bleibt dir nur, tatsächlich zu akzeptieren, dass du bist, wie du bist - und dass du im Inneren eine andere sein könntest, wenn du andere Rahmenbedingungen gehabt hättest. Aber hey, so ist es bei uns allen. Es macht was mit einem, wenn man geliebt oder eben nicht geliebt wird. Klar. Das geht nicht spurlos an einem vorbei. Immerhin bist du doch ganz anders als deine Eltern, du bist "liebeshungrig", hast Gefühle und kannst sie auch zeigen! Du analysierst, hinterfragst, verstehst. Und vermagst in gewisser Weise auch zu steuern. Da hast du deiner Mutter doch ganz klar sehr viel voraus. Du bist die weiter entwickelte nächste Generation in eurer Familie.

LG


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31. August 2016 um 8:27

Nein
es ist nicht so, dass ich meinen Vater da komplett entschuldige. Auch ihm gegenüber habe ich schon Wut gehegt....
Aber ich weiß halt, dass auch er die Fähigkeit einfach nicht inne trug.
Ich habe bis zum Schluß den Kontakt gehalten, obwohl es ja immer nur einseitig war.
Es hat mich oft sehr viel Kraft gekostet diese Besuche. Mein Sohn hatte Angst vor seinem Opa, der da so gefühlskalt und fast bedrohlich, vollkommen in einer anderen Welt rüberkam.

Ich weiß dass ich meinem Kind gegenüber vollkommen anders bin. Sicher reagiere ich auch nicht immer zu tausend Prozent adequat. Aber wir führen eine innige, warme Beziehung in der auch der physische Kontakt eine große Rolle spielt. Ich bin sehr oft den Tränen nah, dass ich meinem Sohn diese Gefühle gegenüber bringen kann.

Ich bin schon lange dabei zu versuchen diese Mutterliebe nicht mehr erhaschen zu wollen. Ich arbeite noch dran in Form von verschiedenen Therapieformen, die wirklich helfen.

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31. August 2016 um 12:25

Was du fühlst...
Liebe Puravida,

du gestaltest dein Leben gut und bist schon weit gekommen auf deinem Weg mit deinem Kind. Auch trägst du Eigenverantwortung, indem du deine Themen reflektierst und aufarbeitest.

Und dennoch fällt mir in deinem Beitrag vor allem ein Grundgefühl von dir auf:

"Ich fühle mich wie das alleingelassene Kind."

Generell kommt es in deinem Beitrag oft vor, dass du schreibst "ich fühle..." und dann folgt etwas Negatives.

Ich sehe aber, dass du heute kein alleingelassenes Kind mehr bist, sondern dich nur mit diesem alten Gefühl in dir identifizierst und damit alte Verhaltensmuster in Gang setzt.

Mit dieser Identifikation mit alten Emotionen stoppst du die Gegenwart und machst eine Reise in alte Gefühlswelten, die du heute noch für wahr hälst und dann bist du nicht mehr da, sondern dort.

Aber dort gibt es nicht mehr, dort ist vorbei.

Und nun zu deiner Mutter: in deiner Sehnsucht nach Mutterliebe sehe ich eine rückwärts gewandte Sehnsucht.

Du weißt, dass du die Anerkennung und Zuwendung deiner Mutter nicht mehr in der Form bekommen wirst, wie du sie brauchst. Trauerarbeit ist natürlich wichtig und das damit verbundene Loslassen. Aber ich würde diese Sehnsucht nicht als unerfüllbaren Schmerz in mir hegen und pflegen, sondern mich auf den Weg machen, meine Sehnsüchte auf andere Art und Weise zu verwirklichen - mit neuen, inhaltlichen Aktzenten und anderen Adressaten.

Alles Liebe dir, euch
JT

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31. August 2016 um 13:05

Danke
dafür!

Lieben Dank für die Gedanken.

Ich versuche wirkich das Gegenwärtige zu sehen. Ich arbeite dran. Auch mit Hilfe verschiedener Therapieformen.

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31. August 2016 um 13:56

Sensationell...
Hallo

Deine Schilderung ist offensichtlich sehr tiefgründig, ehrlich, analytisch und doch emotional. Ich gratuliere Dir zu Deiner Stärke. Dein Text oder Dein beschriebener Lebensabschnitt wird ganz viele andere mitreissen, zum Nachdenken anregen und vorbildhaft sein. Chapeau.

Persönlich fühle ich mich nicht betroffen, doch fühle ich mich verpflichtet, etwas hinzuzufügen, nicht zuletzt weil Dein Nick puravida ist und ich das von Costa Rica her gut kenne und ein sehr starker Text von JoshuaTree geschrieben ist, was der Titel eines meiner Lieblingsalbums ist (U2).

Nun zur Sache. Ganz interessant und lehrreich dürfte die Auseinandersetzung mit den Eltern Deiner Eltern sein. Was haben Deine Eltern selber erlebt. Ok, Dein Vater ist tot, aber vielleicht findest Du etwas über Deine Mutter und deren Kindheit heraus. Immer wieder stelle ich fest, dass es die Eltern selber gar nicht einfach hatten und ebenso geprägt wurden wie Du! Natürlich! Logisch! Aber das gibt Dir den Ansatz, es nachvollziehbarer für Dich zu machen. Es wird nicht schöner damit, aber erklär- und nachvollziehbarer. Du wirst sehen, so meine Behauptung, dass sie es noch verschissener hatten als Du. So meine Behauptung. Oftmals ist es so.

Und ich schliess mich den guten Textern an, mit der Vergangenheit abzuschliessen, wie auch immer sie war. Aber ich finde es stark von Dir, dass Du diese mutig analytisch auseinander genommen hast!

Einsam fühlen sich übrigens viele Menschen, denke ich. Und tief drin ist man eigentlich sowieso alleine.

Kompliment! Danke für einen sinnvollen Beitrag in einem Forum, wo es viel weniger sinnvolles zu finden gibt. Toll!

Viel Kraft und Glück, das braucht nämlich jeder von uns!

Carpe Diem!

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