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Ich muss hier weg - ich kann nicht mehr!

7. November 2011 um 15:59

Liebe Forengemeinde,

ich weiß, ich bin neu hier, aber trotzdem habe ich gleich zu Beginn eine Frage an euch. Vielleicht kennt jemand einen Ausweg für mich?

Es ist so, dass ich im Moment wirklich sehr, sehr überfordert bin. Die Probleme in meiner Beziehung machen mich regelrecht fertig. Ich kann nicht mehr, ich habe sogar schon darüber nachgedacht mich einfach vor ein Auto zu werfen und ein paar Wochen ins Krankenhaus zu gehen, wo ich vielleicht mal meine Ruhe hätte.

Aber von Anfang an. Ich bin 24, er 34. Wir sind schon lange zusammen, und wir wohnen zusammen - eine Entscheidung, die ich inzwischen zutiefst bereue. Es ist wirklich nicht so, dass mein Freund ein schlechter Mensch ist, er kann sehr lieb sein.

Jedenfalls wurde er zum Anfang des Jahres sehr krank. Das war für mich belastend. Ich ging 10 Stunden am Tag arbeiten, auch Samstags, dazu kam eine nicht unbeträchtliche Fahrtzeit, die ich jeden Tag auf mich nehme. Nebenbei war ich alleine für den Haushalt verantwortlich. Darüber hinaus habe ich dann noch versucht, für ihn da zu sein und Verständnis zu zeigen, was nicht immer leicht war. Er neigt zur Alkoholabhängigkeit, und so hat er wenn es ihm schlecht ging immer Bier getrunken. Mehr als er sollte. Auch wenn ich ihn gebeten habe, die Finger davon zu lassen. Auch unter der Woche, abends. Dass das seinen Zustand nicht verbessert hat, ist ja wohl allen klar. An anderen Tagen kam er von der Arbeit nach Hause und ging direkt ins Bett. Es gab Wochen, in denen ich außer der beruflichen Kommunikation mit niemandem geredet habe - mit ihm sowieso nicht. Er gab indirekt mir die Schuld an seiner Erkrankung. Irgendwann habe ich angefangen, diese Schuldzuweisung zu übernehmen. Es war eine sehr sehr schwere Zeit für mich. Den Druck, der auf mir lastete, konnte ich nur durch das Ritzen loswerden. Ich habe es nicht häufig gemacht, nur wenn es gar nicht mehr anders ging. Ich weiß, dass das eine psychische Erkrankung ist, die ich behandeln lassen sollte, aber dazu habe ich im Moment einfach nicht die Kraft.

Nach einigen Monaten der Krankheit besserte sich der Zustand meines Freundes wieder. Ich hatte mich in dieser Zeit daran gewöhnt, dass wir nicht mehr miteinander redeten, dass wir zwar im gleichen Bett schliefen, uns aber nicht berührten, dass er für mich keine liebevollen Worte und - in meinen Augen - keine Dankbarkeit übrig hatte, dass ich alles für ihn getan habe. (Er war später der Meinung, er hätte mir seine Dankbarkeit gezeigt. Ich weiß nicht, ob wir vielleicht unterschiedliche Kommunikationssignale gesendet haben, dass ich seine nicht erkannt habe, wer weiß so was schon)

Es wurde aber nicht viel besser. Ich gebe zu, dass ich mich in den vorangegangenen Monaten zurückgezogen hatte. Ich hatte einfach eine Art Schutz aufgebaut, ich habe mich innerlich von ihm fern gehalten, auch wenn ich äußerlich in seiner Nähe war.

Irgendetwas ist in dieser Zeit zwischen uns kaputt gegangen. Wir waren noch nie Experten im Streiten; ich versöhne mich am liebsten bevor wir schlafen gehen, dass kann er nicht. Er schläft dann brummig ein und morgens ist alles wieder gut, auch wenn wir nichts ausdiskutiert haben - für mich steht dann alles noch unausgesprochen im Raum, ich kann nicht so einfach über etwas wegsehen was nun mal einen handfesten Streit ausgelöst hat. Diese nicht so gute Streitkultur von uns hat sich nach seiner Krankheit verschlechtert. In jedem Streit beharrt er auf seinem Standpunkt und gibt mir die Schuld, oder wirft mir vor dass ich ihn einenge, oder dass ich ihm etwas vorschreibe oder verbiete. Es endet damit, dass ich weine, er mir weiter Dinge an den Kopf knallt, und ich dann in das Badezimmer fliehe, wo meine geliebte Klinge auf mich wartet, die in diesem Moment den Streit beendet. Er beendet den Streit nicht von alleine, also muss ich mich beruhigen, um ihn danach beizulegen. Bitte verurteilt mich nicht dafür - ich bin zu schwach, um all das ohne das Ritzen auszuhalten.

Ich habe in letzter Zeit viel nachgedacht, und ich will das nicht mehr. Ich will nicht mehr klein beigeben und mich verletzen. Ich will nicht mehr immer schuld sein. Es kann doch nicht sein, dass an jedem Streit ich schuld bin, oder?

Und da sind wir wieder am Anfang. Ich will weg. Ich will in Ruhe mein psychisches Gleichgewicht wieder finden. Ich will nicht Schluss machen - ich will ihn nicht unter Druck setzen - ich will ihn nicht quälen damit - ich will einfach nur wieder zu mir finden und sehen, ob diese Beziehung noch eine Chance hat. Denn so kann ich nicht weiter machen.

Zu meinen Eltern oder zu Freunden kann ich nicht. Ich könnte dort nicht zur Ruhe kommen. Erstens würden sie wissen wollen, was los ist. Zweitens würde mein Freund mich dort finden und dann hätten wir den nächsten Streit, weil er meint, ich wollte ihn unter Druck setzen, und wenn ich ihm sage dass ich nicht mehr kann dann denkt er erst recht ich wolltte ihn unter Druck setzen und dann schaukelt sich das ganze wieder hoch und das kann ich einfach nicht.

Aber wo kann ich hin? Ich muss ja trotzdem weiter zur Arbeit und da er mich nicht verprügelt oder so ist ja auch ein Frauenhaus Schwachsinn. Und ein Hotel kann ich mir im Moment nicht leisten.

Ich danke allen, die diesen langen und unstrukturierten Text gelesen haben, von Herzen, und entschuldige mich - ich habe einfach geschrieben wie es kam, und deshalb wird er vielleicht nicht auf Anhieb verständlich sein. Und wenn ihr mir jetzt noch einen Tipp geben könntet, wäre ich auf ewig dankbar!

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9. November 2011 um 18:47

He ....
ich habe mir deinen text durchgelesen und muss echt sagen das mich das arg berührt hat ...
warum tust du dir das denn überhaupt noch an ...
das ganze liest sich so das von deiner seite eh keine gefühle mehr im spiel sind und du nur noch aus mitleid da bist. du bist eine erwachsene frau und er ein erwachsener mann... manchmal ist es einfach besser die reissleine zu ziehen bevor du dich noch ganz kaputt machst .
such dir am besten eine wohnung und schau das du da weg kommst

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9. November 2011 um 22:30

Danke
Hallo Beatrice,

vielen Dank für deine Antwort. Irgendwo hast du recht, die Gefühle sind nicht mehr in dem Ausmaß da wie sie es mal waren. Und es gibt Momente in denen ich regelrechten Hass auf meinen Freund verspüre - den Beitrag habe ich in einem solchen Moment geschrieben, in dem wieder eine Diskussion damit geendet hat dass er mir Vorwürfe gemacht hat, als ich nur nach einer Lösung für unsere Probleme gesucht habe. Den Beitrag zu schreiben hat mir übrigens geholfen, um den Badschrank einen großen Bogen zu machen, und auch seitdem habe ich versucht mich anders zu kanalisieren, weil ich mich einfach nicht weiter kaputt machen will. Bisher klappt es gut

Schluss machen ist immer so ein leichter Gedanke, aber die Umsetzung ist verdammt hart. In inzwischen sieben Jahren (das verflixte siebte Jahr, schon ironisch dass es so etwas wirklich gibt) haben wir schon sehr viel miteinander durchgemacht. Er war in sehr schweren Momenten für mich da, und ich für ihn. All das wegzuwerfen, scheint so unsinnig zu sein. Auch wenn der Gedanke verlockend ist, "frei" zu sein, macht er mich auch traurig. Es ist als könnte alles wieder gut werden wenn ich die Zeit um etwas mehr als ein Jahr zurückkurbeln könnte. Und es ist einfach so traurig etwas zu beenden was lange Zeit so gut war, auch wenn ich nicht weiß ob es das jemals wieder sein kann. Wie schon gesagt, mein Freund kann ein sehr lieber Mensch sein. Er kann aber eben auch diese andere Seite zeigen, die nicht nachgibt bevor ich die Schuld bei mir suche und die sich viel zu lange an Vergangenes erinnert, was dann in den Momenten wieder hervorgekramt wird wenn ich mich doch mal im Recht fühle. Und eben das, dass ich immer die Schuld einstecken muss, das macht mich einfach fertig. Das macht in unserer Beziehung noch mehr kaputt als die Zeit in der wir einander komplett ignoriert haben.

Ich bin einfach so unsicher, was für mich / ihn / die Beziehung im Moment das beste ist. Ich möchte nichts zerstören, aber ich weiß auch gar nicht ob da überhaupt noch etwas ist.

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10. November 2011 um 22:02

Ihr schafft das
Hallo,
deine Geschichte hat mich sehr berührt.
Ich finde gut, dass du es schaffst, bei Stress und Ärger nicht gleich wieder zu ritzen. Setz dich lieber an den PC und schreib dir den Frust von der Seele.
Ich habe selbst die Erfahrung gemacht, dass viel Streit die Situation eingeengt sehen lässt, d.h. dein Freund sieht nur noch die Möglichkeit, dich zu beschuldigen, du fühlst dich als Opfer. Ein Kreislauf. Dabei hat jeder seine Muster, die er in der Kindheit und im Leben gelernt hat und die ihr gemeinsam "optimal" ausleben könnt.
Ich würde dir raten, mit deinem Freund zu sprechen, dass du eine gemeinsame Lösung für euch beide haben willst. Dass du dich schwer tust mit der Situation, deshalb auch manchmal ritzt. Ein Aufschrei der Seele! Schlag ihm vor, gemeinsam zu arbeiten, für euch!! Erklär ihm, dass die Situation dich fertig macht, wenn es so weitergeht. Sucht euch einen hervorragenden Paartherapeuten, der euch eure Muster zeigt und euch damit bestimmt sehr gut helfen kann.
Gemeinsam schafft ihr das. Ich wünsche dir viel Glück und bleib hart, auch wenn dein Freund erst mal dankend ablehnt. Alles Gute. Und wenn er absolut nicht will, mache auf alle Fälle alleine eine Therapie, sie wird dich viel Kraft kosten, aber dir auch viel Kraft geben!

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11. November 2011 um 16:54

Deine lieben Worte...
... haben mir Hoffnung gemacht und mich zu Tränen gerührt. Dein Eintrag klingt so, als hättest du selbst schon eine Paartherapie gemacht, ist das so? Wenn ja, habt ihr dauerhafte Erfolge erzielt? Ich werde mir deinen Rat auf jeden Fall zu Herzen nehmen und versuchen, meinen Freund zu überzeugen.

Mein anderes Problem möchte ich zuerst so versuchen, zu überwinden. Bisher klappt es ganz gut, mich davon abzulenken mir selbst wehzutun. Sollte ich noch einmal "schwach werden", besorge ich mir aber sofort eine Überweisung zu einem Therapeuten. Ich will das jetzt durchziehen und in Ordnung bringen.

Vielen Dank für deine Antwort!

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20. November 2011 um 20:07
In Antwort auf rebeca_11871313

Deine lieben Worte...
... haben mir Hoffnung gemacht und mich zu Tränen gerührt. Dein Eintrag klingt so, als hättest du selbst schon eine Paartherapie gemacht, ist das so? Wenn ja, habt ihr dauerhafte Erfolge erzielt? Ich werde mir deinen Rat auf jeden Fall zu Herzen nehmen und versuchen, meinen Freund zu überzeugen.

Mein anderes Problem möchte ich zuerst so versuchen, zu überwinden. Bisher klappt es ganz gut, mich davon abzulenken mir selbst wehzutun. Sollte ich noch einmal "schwach werden", besorge ich mir aber sofort eine Überweisung zu einem Therapeuten. Ich will das jetzt durchziehen und in Ordnung bringen.

Vielen Dank für deine Antwort!

Erfolge? Ja!
Hallo nochmal,
ja, ich bzw. wir habe(n) selber eine Paartherapie gemacht. Du bzw. ihr musst/müsst sehr darauf achten, dass ihr einen guten Therapeuten findet. Uns hat es sehr geholfen. Wir haben dort Muster gelernt, nach denen wir unbewusst handeln und so den anderen besser verstehen können.
Leichter ist es deswegen nicht
Ews ist tägliche Beziehungsarbeit, aber es sind immer wieder Erfolge da.
Hast du vielleicht zwischenzeitlich schon mit deinem Freund darüber gesprochen?
Viele Grüße

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