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"Es gibt immer mehr Belege dafür, dass Frauen genauso oft ihren Partner angreifen wie Männer"

22. September 2010 um 14:45

Weibliche Übergriffe - Die verdrängte Gewalt

Von Alexandra Trudslev und Cinthia Briseño
Gewalt in der Beziehung: Frauen sind nicht immer in der Opferrolle.

Forscher und Polizei verzeichnen einen Anstieg der Zahl weiblicher Übergriffe - auch auf den eigenen Partner. Doch in der Öffentlichkeit gilt Frauengewalt als Tabuthema.

Wieder einmal hatte es Ärger gegeben, und wieder einmal war sie handgreiflich geworden. Sie stand im Türrahmen - mit einem Messer in der Hand. Dann schrie sie ihn an: "Willst du mich loswerden oder soll ich mich umbringen?" Michael* berichtet von seiner letzten Beziehung. Regelmäßig habe ihn seine Freundin geschlagen, angegriffen, mit Gegenständen beworfen oder in den Arm gebissen.

Michael ist kein Einzelfall. Soziologischen Studien zufolge geht von Frauen mehr Gewalt aus, als gemeinhin angenommen wird. Ist Gewalt in der Partnerschaft wirklich reine Männerdomäne?

Einige Statistiken sprechen dafür: In Berlin beispielsweise wurden 2009 insgesamt 16.285 Fälle häuslicher Gewalt registriert, 76 Prozent der Tatverdächtigen waren männlich. Eine aktuelle Erhebung des baden-württembergischen Innenministeriums hat aber auch ergeben, dass immer mehr Frauen gegen ihre Partner handgreiflich werden. Gab es 2005 noch 336 weibliche Tatverdächtige, stieg ihre Zahl 2009 auf 1038.

Zuvor verzeichnete auch das Bundeskriminalamt eine steigende Tendenz von Fällen, in denen Frauen vorsätzliche leichte Körperverletzungen verübt hatten - also zum Beispiel mit einem Gegenstand nach jemandem geworfen oder Tritte verteilt hatten. 1993 waren demnach 70 von 100.000 deutschen Frauen zwischen 21 und 23 Jahren wegen leichter Körperverletzung tatverdächtig. Im Jahr 2006 hatte sich die Quote mehr als verdreifacht.

Fallzahlen aus den USA zeichnen ein ganz ähnliches Bild: Der Soziologe Murray Straus vom Family Research Laboratory an der University of New Hampshire etwa untersucht seit vielen Jahren innerpartnerschaftliche Gewalt und die geschlechterspezifische Neigung zu Aggression. 2006 präsentierte Straus die Daten einer großangelegten Beziehungs-Gewalt-Studie. Die Befragung von 13.601 Studenten aus 32 Nationen erbrachte ein selbst für die Wissenschaftler überraschendes Ergebnis: Fast ein Drittel der Frauen und Männer hatten ihre Partner innerhalb eines Jahres tätlich angegriffen. In den häufigsten Fällen ging die Gewalt von beiden gleichermaßen aus. Auf Platz zwei folgten jedoch Attacken, die nur von Frauen ausgingen.

"Es gibt immer mehr Belege dafür, dass Frauen genauso oft ihren Partner angreifen wie Männer", bilanzierte Straus seinerzeit auch mit Blick auf vorhergehende Untersuchungen.

Trotz solcher Erkenntnisse wird das Thema Frauengewalt häufig tabuisiert. Bastian Schwithal, Berliner Forscher in der Partnerschaftssoziologie, schildert in seinem 2005 erschienenen Buch "Weibliche Gewalt in Partnerschaften - Eine synontologische Untersuchung", dass es in Partnerschaften von beiden Seiten in gleichem Maße zu Gewalttätigkeiten kommt. Frauen würden häufiger mit Gegenständen werfen - genau so viele treten und schlagen. Insgesamt würden Frauen etwas häufiger verletzt als Männer.

"Das Thema ist nach wie vor ein No-Go", sagt Schwithal im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. In Kürze will er ein weiteres Buch über häusliche Gewalt veröffentlichen. "Von der Politik und von den staatlichen Institutionen wurde und wird das Thema häufig einseitig dargestellt", sagt der Soziologe. Dass die Fallzahlen häuslicher Gewalt durch Frauen erschreckend hoch sind, sei eine nicht populäre Erkenntnis. "Eine auf sachlichen Fakten basierende Diskussion ist mit vielen nicht möglich", sagt Schwithal.

Es gehe nicht darum, die beiden Themen gegeneinander auszuspielen. Die Existenz weiblicher Gewalt anzuerkennen, heiße keineswegs, die Bedeutung männlicher Gewalt zu verharmlosen. "Aber nur durch einen ehrlichen Vergleich können Strategien entwickelt werden, die angesichts der Riesenproblematik längst fällig wären", sagt Schwithal.

"Auf dem Gebiet bestand ein regelrechtes Forschungsverbot", behauptete auch der Geschlechterforscher Gerhard Amendt, der in seiner 2003 als Buch erschienenen Studie über Scheidungsväter ebenfalls auf massive weibliche Gewaltformen hinwies - und eine Kontroverse auslöste. Darin nimmt der Wissenschaftler kein Blatt vor den Mund, wenn es um 30 Jahre Geschlechterforschung in Deutschland geht. Es habe zwar Analysen über weibliche Gewalt gegeben, aber die Veröffentlichungen der Daten sei häufig unterdrückt worden.

Wohl aber sind in den vergangenen Jahren immer wieder Bücher und Abhandlungen dazu erschienen, mit Titeln wie "Gewalt hat kein Geschlecht: Männer als Gewaltbetroffene im Kontext von häuslicher Gewalt", "Frauen als Täterinnen" oder "Der geschlagene Mann, ein Tabu, weil sozial undenkbar".

Demnach kann sich weibliche Gewalt gegen Kind, Mann oder auch Frau richten. Sie kann körperlich, aber auch psychisch sein. Einfach ist eine objektive Überprüfung der vorhandenen Daten nicht, denn weibliche Gewalt ist oft weniger offensichtlich. Außerdem ist die Gewaltforschung ein komplexes Gebilde aus Statistikanalysen, soziologischen Befragungen, Auswertungen von Krankenhausakten und Selbstaussagen von Betroffenen. Kriminologen bewerten Gewalt anders als Soziologen. In der Kategorie Gewaltkriminalität erfasst die Polizei zum Beispiel keine "leichte vorsätzliche Körperverletzungen". Die fliegende Kaffeetasse, das Schubsen oder die Ohrfeige ist jedoch genau das, was die Soziologen als Gewalt einstufen und für ihre Thesen heranziehen.

Hinzu kommt die erschwerende Tatsache, dass Männer aus Scham seltener ihre Partnerinnen anzeigen, wenn sie von ihr ein blaues Auge bekommen haben. Einer Pilotstudie aus dem Jahr 2004 vom Bundesministerium für Familie zufolge hat kein einziger Mann, der von seiner Partnerin geschlagen wurde, in Erwägung gezogen, zur Polizei zu gehen - auch wenn er der Meinung gewesen sei, die Partnerin hätte eine Anzeige verdient. Auch darin sehen Forscher einen Grund, warum Frauen als Gewalttäterinnen seltener in offiziellen Statistiken auftauchen.

Soziologen und Kriminologen beobachten zudem, dass sich nicht nur die Realität der Gewalt im häuslichen Rahmen anders darstellt als oft angenommen. Insbesondere bei jüngeren Frauen gebe es Tendenzen zu Gewalt im öffentlichen Raum. Forschern vom Berliner Institut für Gewaltprävention und angewandte Kriminologie zufolge nimmt die Gewalt von Mädchen in letzter Zeit doppelt so stark zu wie die von Jungen. Ein Grund dafür, so lautet die gängige Meinung vieler Psychologen: Die Rollenbilder von Jungs und Mädchen, Männern und Frauen gleichen sich zunehmend an - und mit ihnen die Gewaltbereitschaft.

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22. September 2010 um 15:50

Tabu
Tabuthema ist es wohl, nicht nur gefühlt, sondern, wie aus dem Artikel hervorgeht, wohl auch strukturell.

Für einen Teil der unterschätzten Fallzahlen ist wohl auch die Tatsache verantwortlich, daß noch immer ein Teil der Gesellschaft sich über Männer lustig macht, wenn sie (rechtliche) Hilfe gegen Übergriffe von Frauen suchen. Einerseits wird das von der aufnehmenden Polizei ähnlich lächerlich gehandhabt wie vor 50 Jahren die Anzeige von vergewaltigten Frauen, andererseits ist wohl auch die Scheu vor Spott aus dem eigenen Umfeld vorhanden.
Generell gibt es, wie einige Studien besonders bei jungen Frauen zeigen, breit angelegt eine reale Zunahme der Gewalt auch durch Änderung des Rollenbildes von Frauen. Die andere Seite der Emanzipation.

Was die psychische Gewalt angeht, ist das sicher traditionell die Domäne der Frauen, die schon auf dem Schulhof anfängt. Vielleicht wird diese nun aber auch teilweise abgelöst durch das mehr an physischer Gewalt ?

Generell gebe ich Dir recht, ich finde psychische Gewalt keineswegs weniger gewichtig, wenn auch schwerer nachweisbar, als physische Gewalt.

jaja

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23. September 2010 um 12:21

Psychische Abhängigkeit
Ich denke, diese Komplikation, daß die Mißhandelten eine psychische Abhängigkeit von der(m) MIßhandler(in) haben ist relativ verbreitet. Keine Ahnung, ob das mit dem Stockholm-Syndrom bei der sich längerfristig Geiseln mit dem Geiselnehmer solidarisieren eine Ähnlichkeit hat ?

Da zu helfen ist in der Tat schwer, denn gegen den Willen des Opfers wäre es eine Entmündigung bei der problematisch wäre, ob sie in den Fall Sinn macht, und Überzeugungsarbeit ist wahrscheinlich auch nicht erfolgsträchtig.

Diese Situation stellt sich wohl auch vollkommen geschlechtsunabhängig dar.

Schön, daß ihr zumindest versucht habt, ihn zu unterstützen.

jaja

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23. September 2010 um 12:23

Nein
Nein, die Studie sagt ja recht deutlich, daß es nicht ein realer Unterschied ist, sondern lediglich die Präsenz in der öffentlichen Wahrnehmung den Unterschied ausmacht.
jaja

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23. September 2010 um 12:27

Psychische Gewalt
ich kann mir vorstellen, daß die Nachweisbarkeit von psychischer Gewalt generell schwieriger ist, als bei physischer Gewalt. Das es dennoch machbar ist, darauf zu reagieren und es zu sanktionieren, haben ein paar Schulhofprojekte gezeigt, bei denen Betroffene ermutigt wurden ihre Scham zu überwinden und sich Hilfe zu suchen.
Es braucht aber eine dafür sensible Umgebung. Die entsteht nicht von allein, sondern braucht aufmerksame Menschen, die dafür kämpfen .... ähnlich dem Kampf für Frauenrechte etc.

jaja

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