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Er hat offenbar ein Nähe-Distanz-Problem. Habe ich es völlig vergeigt? (Achtung! LANGER Text!)

4. Mai 2017 um 13:47

Liebe Lesende,

ich fürchte, mein Text könnte ziemlich lang werden, weil ich mich anderweitig nicht austauschen kann und ich befürchte auch, dass es mir subjektiv total schwer fallen wird, das alles mal niederzuschreiben.

Ich bin Mitte 30, er Mitte 40. Wir haben uns vor 8 Monaten in einer FB-Gruppe kennengelernt. Wir waren beide nicht da, um zu Daten oder Flirten, jedoch verstanden wir uns auf Anhieb und schrieben von dort an fast jeden Tag lang und ausgiebig, wechselten zu WA, begannen mit Sprachnachrichten. Wir waren beide Nachteulen und schickten uns Nachrichten bis in den frühen Morgen. Es wurde schnell sehr vertraut, wir erzählten uns intime Dinge aus unserem Leben - halt dieser ganze Kram, der 2 Leute merken lässt, dass man mehr als nur auf einer Wellenlänge schwimmt. Zudem ging es anfänglich sehr von ihm aus. Er war subtil, buhlte aber um meine Aufmerksamkeit.
Und dennoch: In manchen Dingen schwieg er sich aus. Ich wusste aber, dass er letzten Sommer erst aus einer 2-jährigen Beziehung kam, die Trennung ihm noch sehr zusetzte. Er war der Meinung, dass er beziehungsunfähig sei, weil er Frauen nie die Aufmerksamkeit zukommen lassen konnte, die sie einforderten. Schon allein deswegen führte er Fernbeziehungen. Zwischen uns lagen 450 km.
Er war der typische Chatter: Immer online, immer parallele Kontakte zu verschiedenen Leuten, keine Telefonate, wenig und schlechter Schlaf, sehr kleiner echter Freundeskreis, der ihn zumindest am Anfang am Wochenende in die Kneipen locken konnte, von denen aus er sich exklusiv bei mir meldete. Jedoch sperrte er sich ab Dezember redlich ein und verbrachte die Zeit nur noch online. Er meinte, er sei oftmals sehr melancholisch und trank auch mal vor dem PC unter der Woche. Die Zeit, die wir online verbrachten, wurde für uns immer exklusiver.
Ich spürte bereits starkes Interesse an seiner Person und wollte ihn persönlich treffen, das schlug er aber auf ein „Irgendwann“ aus, er brauche für so etwas sehr viel Zeit. Er glaube, er sei Romantiker, aber könne es irgendwie nicht leben. Er sagte er mir, ich solle es mir gut überlegen, er sei leider manchmal ein schwieriger Charakter.
Seine Vergangenheit: Als Kind vom geliebten Vater verlassen, der dann auch früh starb. Die Mutter oftmals distanziert von ihm, dabei selbst Psychotherapeutin - jedoch mit eigenen Problemen.

Ende Januar kam es zur Eskalation. Ich äußerte ihm gegenüber, dass ich Gefühle für ihn entwickle und ihn endlich kennenlernen wolle, um zu wissen, ob das mit uns überhaupt Substanz hat oder wir es ad acta legen sollten. Er hatte seine Exen ausschließlich online kennengelernt und ich verstand nicht, dass er dafür so viel Zeit brauchte. Und gerade für mich, von der er behauptete, ich wirke „anders“ als seine Exen auf ihn. Es führte dazu, dass er sich bedrängt fühlte und es zum Kontaktabbruch kam, während er anfing, mit einer Anderen aus besagter FB-Gruppe intensiven Kontakt aufzubauen. 2 Wochen kommunizierten wir gar nicht, danach sendete er mir subtile Signale, dass er wieder mit mir reden wolle.
Wir kommunizierten also eine Nacht hindurch, in der er mir ehrlich offenlegte, dass er bis Ende des Jahres eigentlich seine Ex zurück bekommen wollte. Das sei aber nun komplett überwunden, jedoch hielten sie ab und an freundschaftlichen Kontakt und evtl. wollen sie sich diesen Frühling in ihrer Stadt noch einmal treffen, um gemeinsam ein Fußballspiel zu gucken. Als Freunde, er hätte keine Bestrebungen, mit ihr noch einmal etwas anzufangen. Er erzählte mir offen, dass er alleinerziehender Vater einer fast volljährigen Tochter sei. Seine damalige Partnerin sei psychisch labil und habe ihn sitzen lassen als das Kind, das nie geplant war, 18 Monate alt war. Das Kind wohne also auch bei ihm. Zudem verriet er mir endlich, welchen Job er ausübte und dass es mit seinem eigentlichen Studium nichts zu tun hatte, er aber des Kindes zuliebe seine mögliche Karriere aufgab. Und er hätte oft finanzielle Sorgen, weil er auf Honorarbasis bezahlt werde. Er sei es sehr gewohnt, immer allein zu sein. Und von seinen Exen habe sein Kind nur 4 mitbekommen, seine letzte Ex und seine Tochter hätten sich überhaupt nicht verstanden, weil die Partnerin (zu dem Zeitpunkt Anfang 20) nicht akzeptierte, dass er viel Zeit für das Kind aufbringen musste.


Unser Kontakt lief also wieder, aber ich merkte, dass ich ihn mit der Anderen, mit der er seitdem schrieb, teilen musste. Auf die stand eigentlich ein anderer Typ und mein Kandidat betätigte sich als Vermittler, sagte aber, dass er sie auch sehr gern möge.
Ab April sollte ich in seiner Stadt ein zweimonatiges Praktikum absolvieren. Nachdem er mich die ganze Zeit im Ungewissen gelassen hatte, ob wir uns da je treffen würden, fragte er mich nach einem spontanen Treffen einen Monat vor meiner Zeit in der Stadt. Ich war Anfang März über 2 Tage vor Ort auf Wohnungssuche.
Nach ziemlich genau 6 Monaten unseres Kontakts kam es ganz unverhofft also zu einem ersten Treffen. Es war sofort Nähe und Vertrautheit da und nach ca. 3 ersten Stunden küsste er mich. Letztendlich knutschten wir die ganze Nacht in einer Kneipe. Am folgenden Tag musste ich zurück in meine Stadt und er konnte sich vor Gefühlen kaum halten. Er erwähnte schriftlich immer wieder, dass er zuvor in mich nicht verliebt gewesen sei, ich ihn aber beim persönlichen Kennenlernen total geflasht hätte! Er sei komplett ohne Erwartung in das Treffen gegangen und hätte noch nie erlebt, dass er eine Frau, die er online kennengelernt hatte, erst beim persönlichen Treffen toll fand, sonst sei es immer erst zu Treffen gekommen, weil er sich online geflasht fühlte. Und er hätte noch nie beim ersten Treffen so viel Vertrautheit gespürt oder jemanden geküsst – es musste einfach sein! Es wären die 6 unverhofft schönsten Stunden seines bisherigen Lebens gewesen und er wisse gar nicht, wie er darauf klar kommen sollte. Das brauche Zeit! (Sorry, an dieser Stelle muss ich weinen.)
Er erzählte seiner Tochter von mir, seiner Mutter, seinem besten Freund, seiner Ex (die laut seiner Aussage erstmal schlucken musste als sie erfuhr, dass wir uns direkt geküsst hätten, aber sie sprach sich für mich aus) und er erzählte der Anderen von mir. Die rastete total aus. Weil (wie er mir bis zu dem Zeitpunkt verheimlicht hatte) sie ihm am Tag vor unserem Treffen geschrieben hatte, sie hätte sich in ihn verliebt. Sie kannten sich da 4 Wochen online. Sie blockierte ihn tagelang immer wieder auf allen Kanälen, dann entblockierte sie ihn wieder, um ihn anzuschreien, ihm Vorwürfe zu machen oder ihm mitzuteilen, wie sehr sie leidet. Er war völlig hilflos, sagte ihr, dass er nicht in sie verliebt sei, hatte aber extremes Mitleid, weil er nicht wolle, dass seinetwegen Herzen gebrochen werden. Er wollte seine Gefühle für mich genießen, aber diese Sache zog ihn über Tage immer wieder runter. Immerhin hätten sie in der Zwischenzeit intensiveren Kontakt miteinander gehabt als er und ich seit Wiederannäherung... ich gab mich verständnisvoll, aber dass er da so ein Drama erleben musste, setzte mir sehr zu. Dass ich seinetwegen weinen musste, schon in den Monaten zuvor, das habe ich ihm immer verborgen. Ich wollte mich immer stark präsentieren und nicht sein Mitleid.
Am nächsten Wochenende fuhr ich wieder in seine Stadt, übernachtete im Hostel. Am ersten Abend überfiel ich ihn fast mit meinem Wunsch nach Zärtlichkeit, obwohl er eigentlich dachte, wir nähern uns erstmal langsam wieder an. Da war ich zu schnell, was ihn stresste. Dennoch schwärmte er mir am Morgen daheim in seinem Bett per Handy vor, was er alles an mir schätzte und dass er in diesem schwachen Moment glaube, wir würden zusammen kommen, schöne Zeiten verbringen, glücklich werden, etc. Nach dem Aufstehen meldete er sich ganz ungeplant, wollte wissen wo ich bin und verbrachte die Zeit mit mir ganz romantisch öffentlich händchenhaltend und knutschend, bis er mich zum Zug brachte. Der Abschied für die nächsten 2 Wochen fiel uns redlich schwer. Als ich im Zug saß, stand er bis zur Abfahrt am Fenster und formte mit dem Mund die Worte „I love you“.
Seine Tochter stieg in diesem Moment auf dem Nebengleis aus einem Zug und sah uns beim innigen Abschied. Er hatte sie nicht gesehen, aber meinte zu mir danach, sie hätte ihn gefragt, ob ich es sei. Er hätte uns einander vorgestellt, hätte er das gewusst. Was sie zu der Situation, in der sie ihren Vater mit mir gesehen hatte, im Anschluss zu sagen hatte, verriet er mir nie. Aber wenn ich sie grüßen ließ, ließ sie immer Grüße zurück verlauten.
Wie schon nach dem ersten Treffen schwärmte er die darauffolgenden Tage von unserer gemeinsamen Zeit, von mir und von der Zeit, die wir ab April in seiner Stadt verbringen würden. Er war sehr vorsichtig, aber ich spürte seine Gefühle. Er sagte, er könne mir gar nicht genug dafür danken, wieviel Geduld ich mit ihm habe.
Dann verfiel er wieder in seinen Alltagszustand. Der Kontakt war so wie vor unserem ersten Treffen. Eng, aber nicht mehr um Verliebtheitsfloskeln drehend. Er brauchte viel Ruhe. „Viel Ruhe“ brauchte er immer wieder in Phasen unserer bisherigen Monate, das kannte ich von ihm. Er zog sich dann kontaktmäßig ein paar Tage zurück, war danach wieder voll da.
Ich hatte Angst, er wolle das mit mir nicht und vielleicht ja doch mit der Anderen lieber. Ich habe schon einmal einen Mann an eine Andere verloren.
Er sagte mir, es habe sich nichts verändert, er könne sich nur nicht jeden Tag auf die Gefühle für mich einlassen und dass er sich einerseits freue, dass ich bald in seine Stadt komme, andererseits hätte er aber auch Angst vor meinen Erwartungen an ihn. Er führte unser zweites Treffen an, bei dem ich zu schnell zu viel wollte. Ich sagte ihm, dass ich die Zeit mit ihm genießen wolle und dass es sich zwischen uns natürlich entwickelt. Er sagte, das wolle er auch.
Ich kam also zum April für 2 Monate in seine Stadt. Die ersten 3 Wochen waren wunderschön - Wir sahen uns jeden 2. oder 3. Tag, er meldete sich viel von sich aus und traf sich auch mit mir, obwohl er immer müde oder erschöpft nach der Arbeit war. Das ist Dauerzustand bei ihm: So lange wir uns kennen, schläft er eigentlich immer schlecht, ist bis in die Morgenstunden wach, auf Arbeit müde und oft überfordert.
Wir verbrachten also unsere romantische Zeit immer in der Öffentlichkeit, knutschend, händchenhaltend, auf Wiesen sitzend. Er erzählte mir dann von seiner Tochter, seinem Leben, seinem Alltag. Selten fragte er mich nach Dingen aus meinem Leben, sondern wartete darauf, ob ich etwas erzählen wollte. Das war schon immer so. Er entschuldigte es damit, das er anfangs selbst so verschlossen gewesen sei und ja nicht von mir fordern konnte, dass ich alles offenlege, aber er wolle gern alles wissen. Ich bin nur nicht der Typ, der ungefragt aus seinem Leben erzählt (naja, bis auf jetzt vielleicht).
Ich wünschte mir, mit ihm zusammen zu kommen. Das wusste er natürlich, aber wir redeten nicht darüber, weil es ihn im Ansatz überforderte. Er wollte seine „Freiheit“, was in erster Linie einsame Abende vor Glotze oder PC bedeutete. Er sagte, er habe noch das Trauma, dass er in seiner letzten Beziehung funktionieren musste. Ich solle ihm Zeit geben. Und er sagte fast mit feuchten Augen, er finde mich „perfekt“.
Natürlich war uns beiden bewusst, dass wir nur diese 2 Monate für natürliche Entwicklung und Nähe haben. Danach wären wir wieder die Onlinepersonen in 2 Städten. Ich will gar nicht daran denken, ob das „aus den Augen, aus dem Sinn“ bedeuten könnte. Er hat Erfahrung in Fernbeziehungen auf diese Art, ich nicht.
Er fing kurz nach meiner Ankunft in der Stadt an, entgegen seiner früheren Gewohnheit abends/nachts nicht mehr auf FB oder WA online zu sein.
Er übernachtete 3x bei mir, es kam aber nicht zum Sex. Das war ihm zu schnell. Er wolle ihn aber sehr gern mit mir, was er mir auch immer durch leidenschaftliche, intensive Momente, Festhalten und Anschmiegen bewies.
Wir redeten nicht mehr über seine Ex oder die Andere, sie waren zwischen uns kein Thema. Und durch seine langen Offlinephasen, es wurden mittlerweile auch schon mal 24 Stunden und er erzählte mir im Anschluss ausführlich, was er mit seiner Tochter so alles im Fernsehen gesehen hätte, vertraute ich ihm. Auch wenn es mir redlich schwer fiel, weil ich vor diesen Frauen immer Angst hatte. Beide ähneln sich, sind sehr erfolgreich im Beruf und machen und interessieren sich für Dinge, für die er großes Interesse hat. Beide sind wohl sehr souverän und üben auf viele Männer großen Reiz aus. Beide kommen aus seiner erklärten Lieblingsstadt. Beide erzählen sehr viel über ihr Privatleben und legen es offen dar. Beide sind jünger als ich, stehen aber schon viel mehr im Leben. Seit ich wusste, dass er zu Beginn unseres Kennenlernens seine Ex zurück wollte, hatte ich immer Angst, als Übergangsfrau oder dergleichen zu enden.
Ab und zu, wenn er neben mir mal seine Handy rausholte, um mir einen Chatverlauf mit seiner Tochter zu zeigen, sah ich aus dem Augenwinkel, dass er wohl zuletzt auch bei FB mit seiner Ex und der Anderen gechattet hatte. Wie schon bei unserem allerersten Treffen sah ich zu Anfang meiner Zeit hier, dass ihm die Andere als letztes ein Herz geschickt hatte. Sie war sowieso eine Person, die auch online mal Herzen bei einem Kommentar postete. Nach unserem 1. Treffen wusste ich, dass es wohl deswegen war, weil sie ja glaubte, sich in ihn verliebt zu haben (dabei ist er real doch nochmal anders als man nach einem Monat online mit ihm rausfinden könnte). Und er ist sich seiner Onlineausstrahlung auf Frauen sehr wohl bewusst.
Das zweite Mal sah ich das Herz Anfang April. Wer weiß, was das bedeutete. Sie könnte einfach nur irgendeinen Kommentar, den er ihr zuvor per PN schrieb, gut gefunden haben. Und ich sah ja, wie er mit mir umging und dass er immer weniger online war.
Am Karfreitag übernachtete er bei mir. Als wir uns eng aneinander schmiegten und er meine Hand wie so oft nicht losließ, sagte ich ihm, dass er wisse, dass ich ihn sehr, sehr liebe. Ich wusste, dass er darauf nicht dasselbe erwidern könne (zu diesem Zeitpunkt), aber ich wollte es nicht länger für mich behalten. Er ahnte es doch sowieso. Er hielt meine Hand nur noch fester, schaute mir tief in die Augen und küsste mich innig.
Danach fuhr seine Tochter für ein paar Tage weg und er hatte seit langer Zeit die Wohnung einmal wieder für sich, was er dringend brauchte. Und obwohl eigentlich angedacht war, dass wir uns schon Ostermontag wiedersehen, sagte er für diesen Tag ab, weil er die Zeit allein genieße und die Ruhe einfach braucht. Gleichzeitig schlug er vor, ich könne ihn am nächsten Tag abends von der Arbeit abholen, dann würden wir zu ihm gehen und am nächsten Morgen gemeinsam zur Arbeit aufbrechen. Ich verstand sein Ruhebedürfnis vollstens und wir machten es so.
Ich war also das erste Mal in der Wohnung, in der er mit seiner Tochter wohnte. Er hatte das hässliche Bild, das wir gemeinsam auf dem Sperrmüll fanden, über seinen Fernseher gehängt. Er hatte wohl extra versucht, ein wenig aufzuräumen und entschuldigte sich, dass seine Bettwäsche so hässlich sei. An diesem Abend küssten wir uns sehr wenig, aber er hielt die ganze Zeit meine Hand, umsorgte mich, wir schauten Fernsehen und schliefen fest angeschmiegt ein. Ich war sehr glücklich. Auf dem Weg zur Arbeit hielten wir weiterhin unsere Hände, er küsste mich und entschuldigte sich dafür, dass wir uns am Abend zuvor nicht so viel geküsst hatten. Es war ihm also bewusst.
Die nächsten Tage sahen wir uns entgegen der bisherigen Gewohnheit nicht. Er schrieb, wenn er auf Arbeit war (über die Arbeit) oder was er von seinem Kind so aus der Ferne hörte. Ich war sehnsüchtig und fragte ihn fast jeden Abend, ob wir uns denn noch kurz sehen wollen. Es liefen wichtige Fußballspiele und er wollte eigentlich nur sein Alleinsein genießen. Als seine Tochter zurück kam, meinte er, er freue sich schon, dass sie wieder da sei (sie ist IMMER da, ihr Freund schläft auch nur bei ihnen), aber hätte gern noch ein paar Tage für sich gehabt.
Am Tag darauf wollten wir uns treffen, weil Wochenende war. Schon auf Arbeit war er müde und erschöpft, sagte mir abends unser Treffen kurzfristig ab. Es täte ihm Leid, er sei so müde und hätte sehr miese Laune, weil sein Lieblingsverein ein wichtiges Spiel haushoch verloren hätte. Er ging off, ohne meine Antwort abzuwarten.
Am nächsten Tag meldete er sich und wir trafen uns. Von Anfang an war es angespannt, weil er vermutlich ahnte, dass ich ihn auf sein Verhalten am Vorabend ansprechen würde. Wir waren beide nicht die Typen, die Treffen fest über mehrere Tage planen wollten und uns spontan verabredeten – auch wenn er sich da meistens mir fügte, weil ich ihn in den ersten Wochen quasi jeden oder jeden zweiten Tag fragte, ob wir uns abends noch sehen wollen.
Ich fragte ihn also, was los gewesen sei, dass ich Verständnis dafür hätte, es aber schade fand, dass er offline gegangen sei, ohne mir Raum für eine Antwort darauf zu geben. Er hatte Angst davor, ich würde ihm was Trauriges antworten, weil er sich sonst schuldbewusst und mitleidig fühlt, dabei brauche er die Zeit für sich. Es entstand ungewollt ein Gespräch über unseren Status, Beziehungsaussichten und all so ein emotionales Gedöns, das ihn sichtlich überforderte, weil er auf das Gespräch mental gar nicht eingehen konnte. Er sagte, er schätze an mir meine Geduld so sehr und er könne jetzt noch nicht entscheiden, ob er sich auf eine Beziehung einlassen kann. Er habe so viel Angst davor, dass es wieder so werden könne wie bis letzten Sommer mit seiner Ex, weil ihn das psychisch so zugesetzt hatte, wie sehr er funktionieren musste. Und er schätze seine Freiheit, eben auch nicht online sein zu müssen und er habe das Gefühl, jetzt schon so eingeschränkt zu sein. Ich konnte nicht aufhören zu bohren. Er küsste mich und nahm meine Hände, schaute mir auch während er sich windete, immer wieder in meine Augen als er auf meine Nachfragen bestätigte: ja, er wolle das mit mir, ja auch Sex, ja er wolle mir irgendwann seine Tochter vorstellen und er finde, ich habe großes Zukunftspotenzial. Es gebe keine andere Frau, das müsste ich doch schon allein daran sehen, dass er nun immer offline sei. Wir beide wussten nicht, was wir antworten würden, wenn uns jemand nach unserem jetzigen Status fragen würde. Das Treffen endete früher als die bisherigen, weil er daheim noch etwas mit seiner Tochter zu erledigen hatte.
Nach diesem Treffen fühlte ich mich so schlecht! Ich wollte kein Drama veranstalten oder ihn zu irgendetwas drängen. Ich habe selbst das Gefühl, noch mehr Zeit mit ihm zu brauchen. Aber ich konnte mir die Distanz im Vergleich zu unseren ersten Wochen nicht erklären und spürte Unsicherheit und Angst. Angst, er könnte seine Gefühle für mich verloren haben und einfach nur feige sein. Angst, er könne trotz seiner Offlinephasen vielleicht eine Andere besser finden als mich. Und ich hatte vor allen Dingen Angst, dass diese Eskalation wie die Ende Januar war, als er sich aus Druck meinerseits Bestätigung bei einer Anderen suchte, mit der er intensiven Chatkontakt aufbaute. Das sind alles Dinge, die ich ihm nicht mitteilen konnte. Es wäre zu riskant gewesen, das noch einmal aufflammen zu lassen und ihn wieder mit Liebes- und Angsttalk zu überfluten.
Wenn er nur ein einfaches Date wäre, hätte man ja verbleiben können „bis zum nächsten Mal“. Da wir aber in den ersten Monaten schon so viel freundschaftliche Nähe aufgebaut hatten, war täglicher Kontakt zwischen uns gewohnt.
Die Woche darauf war zäh. Ich habe ihn nicht zugebombt, aber merkte, wenn wir zu unseren Arbeitszeiten online waren, dass er auf meine Nachrichten entweder sofort reagierte oder mich aber stundenlang ignorierte, obwohl er online war. Zeitweise las er irgendeine Antwort oder dergleichen auch erst Stunden später. Auf Arbeit ist er immer online. Bei FB sowieso, obwohl er es nur am Handy nutzen kann. Also Weggehen uns PC anlassen kommt da nicht in Frage. Ich weiß, dass er auch viel mit seinem besten Freund kommuniziert. Die ganze Woche hielt er sich mit Erzählungen von sich und seiner Tochter zurück, schrieb nur über seine Arbeit. Zwar teilweise wirklich lang und er bezog mich in seinen dortigen Alltag ein, aber nach Feierabend war er wieder überall offline. Ich wusste, dass er auch Skype zum Chatten nutzt und wir sind dort nicht verbunden. Aber ich hatte Kopfkino, dass er dort heimlich wieder intensiven Kontakt zu seiner Ex aufgebaut haben könne und alternativ dort die ganze Nacht chattend verbringt. Vielleicht hat er ja auch die Andere dort hinzugefügt und sie können dort ungestört und unbeobachtet kommunizieren. Sowas geht durch meinen Kopf. Eben weil ich ihn nicht auf diese beiden ansprechen will, eben weil ich ihm kein Gefühl der Eifersucht geben will, weil ich nicht weiß, wie intensiv der Kontakt zu den beiden derzeit ist und weil ich nicht die Berechtigung habe, irgendwas von ihm zu verlangen.
Letzten Freitag trafen wir uns wieder. Er war natürlich den Tag über sehr müde, weil schlecht geschlafen. So kam es, dass wir uns erst spät trafen und er auf dem Weg zum Treffen noch online chattete, so dass es sich deswegen zu verzögern schien. Die erste Stunde redeten wir mal wieder über seine Arbeit, das er derzeit finanzielle Probleme hätte und in den letzten Tagen auch mal Überstunden habe machen müssen. Dann gingen wir in eine Kneipe, er hielt meine Hand, dann beide, dann knutschten wir vertraut rum. Er ließ mir keinen Zweifel daran, wie sehr er mich wollte und wie sehr er meine Nähe und Vertrautheit wollte. Ich sprach ihn darauf an, ob er mit zu mir kommen wolle. Er windete sich, weil er doch lieber in seinem Bett schlafen wolle, er sei so müde.
In den Morgenstunden beim Abschied küsste er mich wie gewohnt innig, hielt meine Hände. Ob wir am langen Wochenende noch etwas unternehmen wollten? Konnte er jetzt nicht sagen, „bis bald“. Er schrieb mir von daheim von sich aus eine Nachricht, dass der Heimweg sich gezogen habe, er es sehr schön mit mir fand und ich gut schlafen soll. Da er an dem Tag arbeitete, schrieb er von dort, wie anstregend es sei. Wir chatteten kurz smalltalkmäßig. Abends fragte ich ihn, was er machte. Vor der Glotze hängen und Haushalt. Ich wünschte ihm, dass er sich gut ausruhen könne. Dann war er auch wieder off. Am Sonntag Mittag dachte ich, wir könnten den Sonnenschein draußen verbringen. Ich fragte ihn, ob er vielleicht rauskommen möge. Er antwortete knapp, dass er Fußball gucke und mit seiner Tochter noch was im Fernsehen. Dann ging er bei FB und WA off. Auf die Minute genau 48 Stunden. In meinem Kopfkino hatte ich Angst, er könne zu seiner Ex gefahren sein. Die hat morgen Geburtstag. Aufgrund seiner körperlichen Verfassung dachte ich aber auch an erste Burnout-Symptome. Ich schrieb ihm nicht. Als er dann wieder online kam, schrieb er mir genau in der Minute, dass alle sich Sorgen gemacht hätten, sogar sein bester Freund. Er brauche nichts, außer Ruhe. Ich antwortete erst später, dass Dornröschen aus dem Mittagsschlaf erwacht wäre. Danach ließ ich ihn den Tag in Ruhe. Ab 22 Uhr war überall off. Dann gestern: Ich fragte ihn nach seinem Schlaf. Der war wohl wie immer sehr mies. Ob er an den beiden tagen off besser gewesen sei? Es „geht“, er habe TV geschaut. Ich schrieb ihm, dass ich mir Sorgen mache und er mir einfach kommunizieren solle, wenn etwas los sei. Er wolle einfach nur „viiiel“ Ruhe. Dann sagte ich, er solle gesundheitsmäßig auf sich aufpassen. Er schrieb von sich aus dann später ein bisschen Smalltalk aus dem Büro, dass er sich nun ein Fahrrad zulegen wolle (dass er keins hat, hatte ihn anfangs davon abgehalten, die Km zu mir durch die Stadt auch mal spontan zu fahren). Ich ging frühzeitig off. Zuletzt online wurde er wieder um 22 Uhr angezeigt.


Heute hatten wir bisher keinen Kontakt und ich halte mich selbst online zurück. Ich habe nämlich jetzt durch das Schreiben dieses Textes bemerkt, für was für eine bedürftige Bestie er mich die ganze Zeit halten muss! Ich bin gar nicht so. Die ersten Wochen musste ich in dieser Stadt erstmal ankommen und hab hier außerhalb der Arbeit nichts mit Leuten zu tun. Ich komme mir so bescheuert vor und habe nun Angst, dass das Kind vielleicht schon in den Brunnen gefallen ist... Kontaktsperre ist nicht mein Stil, da würde ich mir selbst nicht treu bleiben. Und ich kann ihn doch jetzt auch nicht mit „Sorry, ich hab's jetzt gecheckt...“ zutexten!
Wir hatten locker angedacht, uns evtl. Samstag wieder zu sehen. Ich weiß nicht, wie ich mich bis dahin ihm gegenüber verhalten soll, ohne dass er denkt, dass etwas nicht stimmt. Und ich weiß auch nicht, wie ich ihm signalisieren kann, dass ich es verstanden habe und jetzt mal entspannter mache. Meint ihr, ich hab's komplett vergeigt? Und wie kann ich mich aus der Unsicherheit heben, Vertrauen aufbauen?
Ich danke euch für's Lesen.

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4. Mai 2017 um 14:49

Also mein erster Gedanke dazu: warum zur Hölle tust du dir das an? Warum gibts zu jemand der so dermassen kompliziert ist und dich im Endeffekt am aufgestreckten Arm verhungern lässt, so viele Chancen? Weil er ab und zu lieb ist? Weil du die Frau sein willst, die ihn rettet? Mein Rat, distanzier dich mal ganz stark emotional und lass nicht mit dir spielen! Mit so jemanden wirst du nie eine glückliche Beziehung führen, allein was er über die Ex sagt, zum einen nimmt er sie als Ausrede, weil er hat sich ja soooo eingeschränkt und unterdrückt gefühlt hat und so und zum anderen wollte er sie ganz lang wieder zurück? ( wie du ja geschrieben hast) Da stimmt doch hinten und vorne was nicht. Er spielt mit dir wie mit einer Marionette und du hüpfst, wenn er sagt "spring". Nimm Abstand!

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4. Mai 2017 um 16:20

Also ich bin ja auch jemand, der viel Verständnis für andere hat - aber er klingt mir nicht nach "armer Kerl", sondern nach zu bequem...
Er sollte nämlich mal dringend was für seine psychische und physische Gesundheit machen - vom Sozialleben ganz abgesehen.

Ich würde behaupten, dass er gar nicht zu einer gesunden Beziehung fähig ist. Und leider, du allein wirst ihn nicht retten können. Wenn er so weiter macht, wirst du tatsächlich am langen Arm verhungern.

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