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Die Lokomotive

11. Mai 2010 um 0:57

Es fällt mir schwer noch zu glauben. Ich habe versucht mein Leben in den Griff zu bekommen. Ich habe mich wirklich bemüht. Aber es hat nicht gereicht. Für das was ich wollte hat es nicht gereicht. Der Traum ist wie eine Seifenblase zerplatzt. Ich bin von der höchsten Wolke im Himmel zurück auf die Erde gefallen. Nichts von dem was ich jetzt habe bedeutet mir etwas. Alles hat an Bedeutung verloren. Mein Job, mein Auto, meine Familie, einfach alles. Ich habe also nichts mehr zu verlieren. Alles was ich mache ist falsch. Ich bekomme es nicht auf die Reihe einmal das richtige zu tun. Ich nehme mir Sachen vor, die ich im nächsten Moment schon wieder verwerfe. Ich schmiede Pläne, die ich gar nicht fertigstellen kann, weil mir der Antrieb fehlt. Alle Gedanken drehen sich nur um ein einziges Ding auf der Welt. Ich kann den ganzen Tag an nichts anderes denken. Alles ist blockiert. Nichts kann mich mehr erfreuen. Ich sehe das Licht nicht mehr. Der Glanz in meinen Augen ist weg. Er war da. Mann und wie der da war. Ich hatte meine Ideale, Ziele, Träume, Hoffnung. Mein Leben war wirklich schön. Ich möchte keine Minute davon verpaßt haben. Es gab den Moment in meinem Leben, als ich dachte, alles erreicht zu haben, was ich bis dahin erreicht haben wollte. Ich war wunschlos glücklich. Ich lachte, hatte Freude. Ich war mir so sicher. Keine 5 Minuten glaubte ich, dass es so kommen würde. Bevor es richtig anfing war es schon wieder vorbei. Mein Leben war in der Bahn in der ich fahren wollte. Lange habe ich gebraucht, um es dahin zu lenken in diese Bahn. Kaum war ich drin, gingen die Gleise auseinander und ließen mich im Regen stehen. Der ganze Antrieb war umsonst. Die große Lokomotive stand im Regen und bewegte sich kein Stück mehr. Nun steht Sie da und rostet vor sich hin. Es kamen neue Gleise und eine neue Bahn, aber die Lokomotive will auf dieser Bahn nicht mehr fahren. Zu viele Bahnen ist sie schon gefahren, dass Sie weiß, welche Bahn die richtige ist. Es gibt Momente im Leben, da ist man sich ganz sicher. Das ist so ein Moment. Keine andere Bahn kann der Lokomotive das geben, als die Bahn auf der Sie glücklich war. Sie wird vielleicht wieder glücklich, aber nicht annähernd so wie Sie es einmal war. Es können nagelneue Gleise kommen, die in ein wunderschönes neues Land führen und es können tausende fröhliche Menschen mitfahren. Die Lokomotive hat den Glanz verloren. Sie fährt nur mehr, weil Sie fahren muß. Aber lange nicht mehr mit dem Dampf, den Sie mal hatte. Die meisten Menschen werden das nicht verstehen, weil Sie dieses Glück selbst nie erfahren durften. Es ist erst schlimm, wenn man weiß wie schön alles sein kann. Wer das nie erfahren hat, ist vielleicht auch nicht besser dran, findet sich aber viel leichter mit dem Übel zurecht. Er durfte nie vom Kuchen kosten, deshalb weiß er auch nicht wie er schmeckt.
Was tun wir jetzt also mit der rostigen Lokomotive. Lassen wir Sie weiterfahren, oder stellen wir Sie auf die Gleise, die es nicht mehr gibt. Hoffen wir auf ein Wunder oder was? Ich weiß es nicht. Die Lokomotive ist wahrscheinlich nicht mehr zu retten. Sie ist mittlerweile schon verrückt geworden und ist so verunsichert, dass Sie auch auf denselben Gleisen nicht mehr so fahren könnte wie früher. Zu schmerzhaft war die Erfahrung, wie schnell alles vorbei sein kann. Dabei hätte die Lokomotive alles was Sie zum fahren bräuchte. Es wäre Kohle ohne Ende da, es sind nagelneue Gleise da und die Lokomotive läuft. Nur was der Techniker nicht berechnet hat, dass die Lokomotive glänzen wollte. Sie wollte sich nicht damit zufrieden geben auf irgendeinem Gleis zu fahren, bis sie kaputt ist. Die Lokomotive wollte auf keinen Fall auch nur langweilig in der Gegend herum fahren und gestreßte Leute transportieren. Die Lokomotive hat sich ein ganz besonderes Gleis ausgesucht. Besser gesagt ist das Gleis zur Lokomotive gekommen und hat die Weichen gestellt. Die Lokomotive hat es anfangs gar nicht geglaubt, auf diesem Gleis unterwegs zu sein. Sie war anfangs noch unsicher, ob sie auf dem richtigen Gleis sei. Die Lokomotive war schon auf schönen Gleisen gefahren, aber dieses war einfach das richtige. Das wußte die Lokomotive. Es stimmte die Landschaft, es stimmten die Kurven, die Berge und einfach alles. Die Lokomotive fuhr dahin und sah sich schon bis an ihr Lebensende auf diesem Gleis fahren. Aber plötzlich wurden die Weichen gestellt und die Lokomotive fuhr auf einmal in ganz eine andere Richtung. Auf die andere Seite der Welt. Es sollten die schönsten Gleise der Welt sein in diesem fernen Land. Die Lokomotive hatte aber gar keine Augen für diese neue Welt. Gerade erst war die Lokomotive auf der Strecke, auf die sie immer sein wollte und plötzlich ganz wo anders. Aber es war Hoffnung da, die Strecke führte nach Monaten wieder zurück und es ging weiter. Es waren lange 3 Monate für die Lokomotive. Die Lokomotive war überglücklich, als endlich die Zeit verstrichen war und die Strecke wieder Richtung Heimat führte. Die Lokomotive freute sich auf die schöne Landschaft, auf die Berge, die Wasser, das wunderschöne Land und auf ihre Strecke auf der sie nun endlich wieder fahren durfte. Zu schön war der Traum. Als die Lokomotive wieder in die Heimat kam, waren die alten Gleise plötzlich wackelig und locker. Die Lokomotive versuchte darauf weiterzufahren und es irgendwie zu schaffen. Aber die Gleise lösten ganz langsam auf und ließen die Lokomotive zurück auf der Strecke. Die Lokomotive versuchte trotzdem weiterzufahren Stück für Stück und die alten Gleise zu reparieren. Aber es gab keine Chance mehr. Die Gleise ließen sich nicht mehr richten. Monatelang Stück für Stück. Die Lokomotive hörte nicht auf zu träumen von ihrer Strecke. Sie baute die Gleise wieder auf, Stück für Stück. Bei jedem Versuch, wieder darauf zu fahren ließen die Gleise die Lokomotive im Stich. Ein kleines Stück ging es wieder gut, die Lokomotive war überglücklich. Aber schon am nächsten Tag war alles wieder kaputt. Die ganzen Gleise waren nicht mehr für die Spur der Lokomotive eingestellt. Es warf die Lokomotive wieder aus der Bahn. Aber diesmal richtig. Sie hatte sich so bemüht, alles richtig zu machen. Alle Schrauben, alle Schwellen, alles sollte perfekt sitzen, damit keine Fehler mehr passieren. Es sind wieder Fehler passiert. Die Lokomotive fuhr los auf dem brüchigen Gleis und glaubte sich schon in Sicherheit, als alles wieder zerbrach. Aus der Traum. Zurück auf den Boden. Schon lange kann die Lokomotive nicht mehr so glänzen wie zuvor. Sie ist schmutzig von der ganzen Arbeit. Und alles war schon wieder umsonst. Die Lokomotive kann mit Kohle gefüttert werden, aber der alte Glanz kommt nicht mehr zurück. Der Lokomotive fehlt die Kraft, alles von neuem zu beginnen und wieder von Grund auf aufzubauen. Die Kohle ist da, aber nicht mehr die Kraft. Nicht mehr die Power und der Glanz den sie einst hatte. Wo ist das alles geblieben? Wer weiß wo das geblieben ist? Gott könnte es wissen. Die Lokomotive hat oft gebetet. Es ist auch Hilfe gekommen. Der Lokomotive selbst wurde geholfen, nicht aber den Gleisen. Die Gleise suchen sich andere Wege. Weg von der Lokomotive. Das macht die Lokomotive traurig. Die Lokomotive kann es einfach nicht verstehen. Die Lokomotive sucht nach Antworten und fragt sich, ob sie etwa zu schnell gefahren ist, oder zu schwer war. Die Lokomotive fragt sich, ob es war, weil sie so lange in einem anderen Land unterwegs war. Aber diese Antwort wird die Lokomotive wohl nicht finden.
Die Lokomotive hat sich aber entschieden. Sie wird versuchen, die Gleise wieder aufzubauen. Und sollte es Jahre dauern. Diesmal werden die Gleise richtig aufgebaut. Es wird keine Schraube vergessen. Es wird jede Schwelle richtig gelegt. Es wird der Untergrund neu aufgebaut. Es werden die Weichen richtig eingestellt. Es werden die Bahnübergänge abgesichert. Es werden die Garnituren erneuert. Es werden die Bremsen gecheckt, es wird Kohle eingefüllt und die Lokomotive kann starten. Es werden fröhliche Menschen mit der Lokomotive fahren. Es wird an den schönsten Seen, an den schönsten Bergen u. Tälern vorbeiführen. Die Gleise werden halten und die Lokomotive tragen, auf all ihren Fahrten. Die Lokomotive muß sich keine Sorgen mehr machen, dass irgendetwas passiert, da sie die Gleise richtig aufgebaut hat und nichts vergessen hat. Die ganze Mühe, der ganze Aufwand und Schweiß hat sich gelohnt.

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11. Mai 2010 um 1:04

Auch Lockomotiven brauchen Urlaub
egal wer du bist....es war schön dir zu lauschen.Kopf hoch und durch,ok? gerne auch per PN

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