Forum / Liebe & Beziehung

Der Tod ist eine Herausforderung für unsere Beziehung

Letzte Nachricht: 12:12
L
linsour
Gestern um 8:01

Hallo zusammen, ich brauche euren Rat da ich in einer Situation bin in der ich noch nie war und nicht mehr weiter weiß.

Am 15.11 (mein 21. Geburtstag) ist der Bruder (17) von meinem Freund (26) verstorben. Diese plötzliche Nachricht hat meinem Freund den Boden unter den Füßen weggerissen. Natürlich war mir mein Geburtstag egal, daran hab ich auch garnicht gedacht. Wir waren bei seiner Familie und haben viel getrauert. Doch seit dem Tod seines Bruders habe ich das Gefühl das sich mein Freund sehr von mir distanziert. Vielleicht ist das normal, ich weiß es nicht. Seit der ersten Sekunde an versuche ich da für ihn zu sein. Ich tue alles was möglich ist. Bin nur bei ihm und hab alles außen rum erstmal still gelegt damit ich mich nur auf ihn fokussieren kann. Ich spüre zwar immer wieder Distanz aber mache natürlich trotzdem weiter, da es eine sehr schwere Zeit für ihn ist. Mein Freund hatte mich darum geben jetzt die ganze Zeit für ihn da zu sein und ihn nicht alleine zu lassen (zb auch erst schlafen zu gehen wenn er schläft) . Gestern Abend war es so das es schon 3 Uhr in der Nacht war und ich müde wurde, er aber nicht. Ich versuchte wirklich meine Augen aufzureißen um nicht einzuschlafen. Doch ich konnte irgendwann nicht mehr gegen meine Müdigkeit ankämpfen. Er wurde total sauer darauf. Ich solle doch schlafen gehen, scheiss auf ihn. Ich konnte diese Reaktion überhaupt nicht verstehen. Ich bin 24/7 jede Sekunde da für ihn ob Tag oder Nacht und das hat sich so undankbar angefühlt. Aber auf der anderen Seite denke ich mir, er muss doch nicht dankbar dafür sein, dass ich für ihn da bin. Ich merke das es mir auch nicht dabei gut geht. Ich stecke die ganze Zeit meine Gefühle zurück, aber mache so viel und bekomme dann sowas zurück. Dann fühle ich mich wieder schlecht da ich mir denke, es geht jetzt nicht um meine Gefühle. Ist es egoistisch an mich zu denken? Übertreibe ich ? Wie soll ich mit der Situation umgehen. Ich bin dankbar für jeden Tipp.

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S
sisteronthefly
10:22

Guten Morgen, 

gerade jetzt ist es besonders wichtig auf deine eigenen Empfindungen und auch dein Wohlbefinden zu achten. Du kannst keine Stütze und Stärke sein, wenn du dich völlig verausgabst. Bei dem schweren Verlust, den die Familie deines Freundes erleiden musste braucht es sicherlich Zeit, um einen Weg zurück in die Normalität zu finden. Du bist sehr liebevoll und mitfühlend. Das ist schön für deinen Freund, besonders in der ersten schweren Zeit. Was du ihm nicht abnehmen kannst, ist die volle Wucht der Gefühle und Empfindungen, die so ein schwerer Verlust mit sich bringt. Trauerphasen sind enorm wichtig und verlaufen in Form einer Spirale, leider oft sehr tückisch. Das Durchleben aller Phasen ist eine Form der Verlustbewältiung, obwohl sie bei den meisten Menschen ähnlich abläuft, ist jeder Mensch dabei auch individuell. So braucht es manchmal Zeit, um einen Verlust erst wahrzunehmen. Viele Menschen befinden sich zunächst in einem Schockzustand und wollen den Tatsachen nicht ins Auge blicken, weil der Gedanke daran unvorstellbar ist. Gefühle wie Hilflosigkeit, Ohnmacht und Verzweiflung begleitet ihren Tag, ohne das die Realität schon bei ihnen angekommen wäre. 

Du hast es absolut richtig gemacht, die Familie und deinen Freund nicht alleinge gelassen. Es gibt unheimlich viel zu klären, vielleicht kannst du hierbei deine Unterstützung anbieten. In Trauerphasen kommt es zu Schuldgefühlen, sie können mit exessiver Wut auftreten. Der Schmerz kann so übermächtig werden, dass er sich nicht nur gegen den Verstorbenen richtet. Er könnte sich gegen den Partner richten oder natürlich gegen sich selbst. Hier sollte man aufpassen und auf professionelle Begleitung zurückgreifen. Es ist für dich als Freundin nicht leicht diese Form der Wut auszuhalten ohne darauf einzugehen, dabei ist zuhören sehr wichtig und das Wissen, das dies eine Pase der Verlustbewältigung ist. Auch hier ist es enorm wichtig, dass du auf dich selbst achtest. Das hat nichts mit Egoismus zu tun! Du tust nur, was du kannst bis zu einer von dir definierten Grenze! 

Ein weiterer schwerer Schritt vollzieht sich in dem Rückzug, indem es eigentlich um den Abschied zum Verstorbenen geht. Dieser Rückzug aus der Welt und von anderen Menschen ist manchmal notwendig, um für sich einen Weg zu finden etwas Nichtakzeptierbares zu akzeptieren. Das ist auch für Betroffene sehr schmerzhaft aber sie brauchen diesen Schritt, um einen Weg zurück ins Leben zu finden, ohne den geliebten Menschen. In jeder Phase kann sich eine Depression einstellen. Wenn Menschen anfangen sich zu erinnern sind sie meist durch die schwerste Zeit hindurch. Und selbst Erinnerungen stellen an das Umfeld häufig große Herausforderungen dar, weil sie manchmal lebensbestimmend sind. 

Dankbarkeit seitens der Familie und deines Freundes wird sicherlich bestehen aber ich würde nicht darauf warten, etwas zurückzubekommen, was im Moment vielleicht einfach unmöglich ist. Nicht, weil man dich nicht liebt oder schätzt, sondern weil die Gefühle seiner Familie und deines Freundes von den Trauerphasen beherrscht werden. Daher auch mein Rat dir Freiräume zu schaffen, in denen du dir Zeit für dich nimmst. 

Trauer ist wichtig, jede einzelne Phase aber sie ist nie gewollt. 

Alles Gute euch.
LG Sis

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linsour
12:12

Wow, vielen Dank für diesen sehr ausführlichen Text. Ich werde mir deine Worte zu Herzen nehmen. DANKE 🤍

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L
linsour
12:12
In Antwort auf sisteronthefly

Guten Morgen, 

gerade jetzt ist es besonders wichtig auf deine eigenen Empfindungen und auch dein Wohlbefinden zu achten. Du kannst keine Stütze und Stärke sein, wenn du dich völlig verausgabst. Bei dem schweren Verlust, den die Familie deines Freundes erleiden musste braucht es sicherlich Zeit, um einen Weg zurück in die Normalität zu finden. Du bist sehr liebevoll und mitfühlend. Das ist schön für deinen Freund, besonders in der ersten schweren Zeit. Was du ihm nicht abnehmen kannst, ist die volle Wucht der Gefühle und Empfindungen, die so ein schwerer Verlust mit sich bringt. Trauerphasen sind enorm wichtig und verlaufen in Form einer Spirale, leider oft sehr tückisch. Das Durchleben aller Phasen ist eine Form der Verlustbewältiung, obwohl sie bei den meisten Menschen ähnlich abläuft, ist jeder Mensch dabei auch individuell. So braucht es manchmal Zeit, um einen Verlust erst wahrzunehmen. Viele Menschen befinden sich zunächst in einem Schockzustand und wollen den Tatsachen nicht ins Auge blicken, weil der Gedanke daran unvorstellbar ist. Gefühle wie Hilflosigkeit, Ohnmacht und Verzweiflung begleitet ihren Tag, ohne das die Realität schon bei ihnen angekommen wäre. 

Du hast es absolut richtig gemacht, die Familie und deinen Freund nicht alleinge gelassen. Es gibt unheimlich viel zu klären, vielleicht kannst du hierbei deine Unterstützung anbieten. In Trauerphasen kommt es zu Schuldgefühlen, sie können mit exessiver Wut auftreten. Der Schmerz kann so übermächtig werden, dass er sich nicht nur gegen den Verstorbenen richtet. Er könnte sich gegen den Partner richten oder natürlich gegen sich selbst. Hier sollte man aufpassen und auf professionelle Begleitung zurückgreifen. Es ist für dich als Freundin nicht leicht diese Form der Wut auszuhalten ohne darauf einzugehen, dabei ist zuhören sehr wichtig und das Wissen, das dies eine Pase der Verlustbewältigung ist. Auch hier ist es enorm wichtig, dass du auf dich selbst achtest. Das hat nichts mit Egoismus zu tun! Du tust nur, was du kannst bis zu einer von dir definierten Grenze! 

Ein weiterer schwerer Schritt vollzieht sich in dem Rückzug, indem es eigentlich um den Abschied zum Verstorbenen geht. Dieser Rückzug aus der Welt und von anderen Menschen ist manchmal notwendig, um für sich einen Weg zu finden etwas Nichtakzeptierbares zu akzeptieren. Das ist auch für Betroffene sehr schmerzhaft aber sie brauchen diesen Schritt, um einen Weg zurück ins Leben zu finden, ohne den geliebten Menschen. In jeder Phase kann sich eine Depression einstellen. Wenn Menschen anfangen sich zu erinnern sind sie meist durch die schwerste Zeit hindurch. Und selbst Erinnerungen stellen an das Umfeld häufig große Herausforderungen dar, weil sie manchmal lebensbestimmend sind. 

Dankbarkeit seitens der Familie und deines Freundes wird sicherlich bestehen aber ich würde nicht darauf warten, etwas zurückzubekommen, was im Moment vielleicht einfach unmöglich ist. Nicht, weil man dich nicht liebt oder schätzt, sondern weil die Gefühle seiner Familie und deines Freundes von den Trauerphasen beherrscht werden. Daher auch mein Rat dir Freiräume zu schaffen, in denen du dir Zeit für dich nimmst. 

Trauer ist wichtig, jede einzelne Phase aber sie ist nie gewollt. 

Alles Gute euch.
LG Sis

Wow, vielen Dank für diesen sehr ausführlichen Text. Ich werde mir deine Worte zu Herzen nehmen. DANKE 🤍

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