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Das Richtige getan?

14. November 2007 um 18:25

Hallo,

ich lese schon länger in diesem Forum und dachte, ich poste meine Geschichte hier, weil ich absolut nicht mehr weiter weiß.

Ich (23, w) habe mich vorgestern von meinem Freund (21) getrennt. Wir waren über ein Jahr zusammen, kennengelernt hatten wir uns beim Treffen einer Online-Community. Er war mein erster Freund (bin etwas der Spätzünder), er hatte vor mir ein paar andere (weiß nicht, wie ernst / lange das jeweils war). Wir sind beide Studenten, er wohnt mehr als 300 km von mir entfernt.

Anfangs lief alles super. Wir haben uns zwar nur ca. zweimal im Monat gesehen, aber wir hatten (und haben) dieselben Interessen, können über dieselben Dinge lachen, hören großteils dieselbe Musik, dieselben Vorlieben und Hobbys

Seit etwa einem halben Jahr streiten wir uns allerdings zunehmend, meist über vollkommen triviale Dinge. Er ist dann immer stundenlang deprimiert, sitzt regungslos in einer Ecke, bis ich ihm klarmachen kann, dass er überreagiert und Streit in jeder Beziehung vorkommt.

Was mich allerdings noch viel mehr fertigmacht, ist seine pessimistische Grundeinstellung, aus der auch sicher diese Reaktion auf Streit herrührt. Er geht so gut wie immer vom Schlechtesten aus, das einem passieren kann. Er misstraut allem und jedem, was darin resultiert, dass er an seinem Studienort keine Freunde hat. Ich bin so ziemlich seine einzige Vertrauensperson. Er hatte eine ziemlich verkorkste Kindheit (ich auch, aber bei ihm ist das viel schlimmer). Seine Eltern mögen ihn nicht, in einer Gruppentherapie hat man ihm sogar eingetrichtert, dass er daran schuld sei, dass sein Vater immer so fies zu ihm sei. Es hat ihm wirklich gut getan, da rauszukommen. Allerdings bekommt er nur wenig Unterhalt von seinen Eltern, muss ständig darum kämpfen, obwohl sie es sich locker leisten könnten, ihm mehr zu geben (deshalb bekommt er auch kein Bafög, sie verdienen zu viel).
Naja, das ist es halt, was mich hauptsächlich belastet hat. Ständig diese negative Grundeinstellung. Entsprechend hat er ein extrem negatives Selbstbild. Er sitzt viel herum und grübelt, analysiert jedes Wort, das wir uns im Chat schrieben, steigert sich gern rein, wenn es ihm schlecht geht. Das zieht mich jedes Mal total runter. Ich weiß nicht, wie oft ich heulend am Computer gesessen habe. Und das tut mir auf Dauer nicht gut. Ich stecke in der Vorbereitung zu meinem Examen, habe Kurse an der Uni, zwei Nebenjobs. Wenn ich so heruntergezogen werde, schaffe ich nichts von alldem. Ich müsste in meiner Examensvorbereitung schon viel weiter sein, kann mich aber häufig nicht konzentrieren.

Das ist es auch. Er meint zwar, er würde respektieren, dass ich lernen muss, hat aber ständig ein Problem mit meiner Zeiteinteilung. Unter der Woche lerne ich nicht nur, ich unternehme auch hin und wieder etwas mit Freunden. Ich scheue mich oft davor, ihm zu sagen, dass ich da und da hingehe, weil er die seltsame Ansicht hat, die Zeit, die ich mit solchen Aktivitäten verbringen würde, würde von unserer gemeinsamen Zeit etwas wegnehmen. Dabei hat er unter der Woche Uni, genauso wie ich! Ich mache auch an den Wochenenden Dinge mit Freunden, wenn ich so etwas erwähne, ist er wieder total am Boden, wieder aus demselben Argument. Aber wir können uns gar nicht jedes Wochenende sehen, schon wegen der Entfernung nicht, wegen Zeit und Geld.

Ich war schon mehrmals kurz vor dem Punkt, Schluss zu machen, weil ich gemerkt habe, dass es so nicht weitergehen kann. Wenn ich ihn auf das Problem mit seinem Selbstbild und seiner Negativität angesprochen habe, hieß es immer entrüstet, ich würde ihn zum Psychiater schicken wollen, und er würde darauf bauen, dass ihm die Beziehung zu mir mehr Selbstbewusstsein gebe. Aber das kann er nicht machen, ich fühle mich damit total überfordert, ich bin doch kein Psychotherapeut. Anfang September wäre es schon einmal fast zu Ende gewesen wir hatten uns wegen einer Banalität gestritten, woraufhin er mich das ganze Wochenende (es war wieder auf einem der Communitytreffen) wie eine Fremde behandelt hat. Es hat sich dann wieder eingerenkt, weil ich mir dachte, es sei doch gar nicht so schlimm. Dabei kann ich mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal länger mit ihm Zeit verbracht habe und mich dabei so richtig glücklich gefühlt habe. In der Anfangszeit ja, aber jetzt?

Wenn er bei mir ist und ich lernen muss, sitzt er nur in der Ecke oder liegt im Bett und tut nichts. Ich sage ihm, tu doch auch was für die Uni, aber er meint, er kann außerhalb seines gewohnten Umfelds nicht arbeiten. Ich habe das Gefühl, dass er Frust schiebt, weil ich mich nicht 24/7 mit ihm beschäftige kann.
Das mit der Uni ist auch so eine Sache. Nach einem Fächerwechsel nach dem ersten Semester studiert er jetzt ein geisteswissenschaftliches Fach, wobei ihm wohl bewusst ist, dass die Jobaussichten mies sind. Er meint, es würde ihn total interessieren und er würde nichts anderes studieren / tun wollen. Aber trotzdem verhaut er seine Referate, weil er nicht früh genug damit anfängt, lässt alles liegen und verheddert sich. Spreche ich ihn darauf an, blockt er ab, weil er nicht will, dass ich ihm Druck mache. Er müsse seinen eigenen Rhythmus finden aber das tut er nicht. Gleichzeitig sieht er aber ein, dass es in einem Fach wie seinem unerlässlich ist, gut zu sein, wenn man später fachnah arbeiten will, und das will er ein fachfremder Job kommt für ihn nicht in Frage, dabei finden den die wenigsten Geisteswissenschaftler. Ich habe ihn mehrmals darauf angesprochen, wie er sich seine berufliche Zukunft vorstellt. Es kommt immer die Antwort mit dem fachnahen Job, aber den wird er nicht bekommen, wenn er sich nicht am Riemen reißt. Am liebsten wäre es ihm, nur Vater und Hausmann sein zu können das hat er selbst gesagt, auch wenn er einzusehen vorgibt, dass er das nicht wird realisieren können.

Ich fühle mich schon seit einigen Monaten schrecklich unglücklich. Es kann so nicht weitergehen mit dieser Negativität, ich bekomme gar nichts mehr zustande. Aber gleichzeitig mag ich ihn doch so unheimlich gerne, so dass ich mir gelegentlich ziemlich egoistisch vorkomme.
Nach dieser Geschichte im September habe ich ihm schon einmal klargemacht, dass ich diesen Pessimismus nicht ertrage. Er hat mir versprochen, für mich die Kurve zu kriegen. Aber passiert ist seitdem nichts. Er baut immer noch darauf, dass ich ihn hochziehe, wenn er mal wieder am Boden liegt. Wie gesagt, habe ich schon länger das Gefühl, dass es einfach nicht so weitergehen kann, aber ich habe es jedes Mal wieder zu besiegen versucht, weil ich ihn ja so gerne habe und wir so viel gemeinsam haben. Das Gefühl ist seltsam, es äußert sich in einer Art innerem Unwohlsein, wie bei Liebeskummer. Ich habe es in letzter Zeit immer öfter (unter der Woche, nicht, wenn wir uns sehen), es kommt, vereinnahmt mich und verhindert, dass ich mich auf das konzentrieren kann, was ich tun muss.

Am Sonntag (ich war bei ihm) hatten wir uns wieder gestritten, uns aber wieder versöhnt, weil er am Montag ein Referat hatte, für das er bislang nicht viel getan hatte und ich ihn nicht noch länger davon abhalten wollte. Am Montag ging er dann früh in die Uni, um das fertig zu machen. Und ich saß da und das Scheißgefühl kam wieder hoch, dieses liebeskummerähnliche Gefühl, wie ein Hilfeschrei meines Unterbewusstseins. Es schien mir zu sagen: Es geht so nicht weiter, geh! Und diesmal habe ich es durchgezogen, auch wenn ich während all der Stunden, die ich auf seine Rückkehr gewartet hatte, höllisch gelitten hatte und immer wieder am Zögern war, ob ich denn das Richtige tue.

Als er dann kam habe ich ihm gesagt, dass es so nicht weitergehen kann und ich furchtbar unglücklich sei. Er war natürlich total fertig, hat schrecklich geweint und mir immer wieder gesagt, wie perfekt ich doch für ihn wäre und dass er mich nicht verlieren wolle. Ausgerechnet an diesem Tag hatte er mir auch etwas mitgebracht, nur eine Kleinigkeit (vorweihnachtliche Leckereien), was er sonst nie tut, weil er kein Geld hat. Das hat mich noch zusätzlich gerührt und sehr traurig gemacht, weil ich doch weiß, wie es um seine Finanzen steht.
Wir haben lange geredet / geweint. So gegen halb 11 bin ich dann die 300+ km nach Hause gefahren. Er wollte unbedingt mitkommen, damit ich gut ankomme, aber ich habe ihn dazu gebracht, das sein zu lassen, weil es nichts nützt. Geschafft habe ich das nur mit viel Mühe.

Ich bin total fertig und weiß einfach nicht, ob ich das Richtige getan habe. Wenn ich nur daran denke, wie sehr er fertig war und wie sehr er geweint hat, als ich ihm gesagt habe, dass es so nicht mit uns beiden weitergeht, zerreißt es mir das Herz. Und was er alles zu mir gesagt hat, macht es noch schlimmer. Ich wäre perfekt für ihn, wir würden so gut zusammenpassen, er wolle mich nicht verlieren Ich mag ihn immer noch so verdammt gerne und gleichzeitig sehe ich, dass er mich unglücklich macht, dass ich schon öfter kurz vor diesem Entschluss war und dieses innere Gefühl einfach nicht nachlässt.

Was soll ich nur tun? Ich habe ihn noch bei der Heimfahrt im Auto angerufen und gemeint, dass ich mir nicht sicher sei, ob ich das Richtige getan hätte. Und ihn um etwas Zeit gebeten, um Abstand zu gewinnen und mit mir selbst wieder ins Reine zu kommen, mein Leben auf die Reihe zu bekommen so viel ist liegengeblieben. Aber er meldet sich häufiger per SMS bei mir, fragt mir, wie es mir geht das macht es nicht leichter. Und ich möchte ihn auch nicht ewig so hängen lassen. Er hat ja niemanden, bei dem er sich ausheulen kann. Er sitzt jetzt da und frisst alles in sich hinein.

Wir werden uns nicht komplett abschotten können, weil wir beide weiterhin Mitglieder dieser Community sein werden (dort hat er erst gepostet, dass er sich leer fühle und nur am Weinen sei). Außerdem hat er gesagt, dass er den Kontakt zu mir nicht verlieren will, weil wir wegen unserer vielen Gemeinsamkeiten weiterhin Freunde bleiben könnten. Das klingt abgedroschen, aber ich würde das auch gerne, sollte ich bei meiner Entscheidung bleiben. Ich bin mir aber bewusst, dass das nicht ohne einen längeren Zeitraum funktionieren wird, während der beide darüber hinweggkommen können, er aber meinte, er wolle nicht, dass ich ihn meide (nicht auf SMS antworten, nicht in den Chat gehen etc.).

Bitte entschuldigt, dass das so lang geworden ist ich habe momentan einfach Bedarf nach Ausheulen. Meine Freundinnen haben erst am Wochenende Zeit, ich habe bisher nur meiner Tante davon erzählt, die wie eine Freundin für mich ist (sie ist der Meinung, dass er mir nicht gut tue, meinte aber, sie könne das vielleicht nicht so beurteilen, weil sie ja älter ist). Und ich werde mir einen Termin bei der psychologischen Beratungsstelle der Uni geben lassen. Projiziere ich vielleicht nur meine eigene allgemeine Unzufriedenheit damit, dass ich meine Unisachen nicht gebacken bekomme, auf die Beziehung?

Ich weiß es nicht. Ich weiß gar nichts. Ich möchte mich am liebsten nur verkriechen und heulen, aber das ist nicht meine Art, ich kann ja nicht alles schleifen lassen.

Was meint ihr? Ich bin für jeglichen Rat mehr als dankbar.

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14. November 2007 um 18:35

Grenzen setzen
manchmal muss man seine grenzen auch gegen sehr viel widerstand verteidigen, das kannst du jetzt lernen. du bist sicher nicht seine therapeutin und ganz sicher soll eine beziehung auch nicht eine solche dynamik haben. einmal ist der eine stark, dann der andere, jeder soll dem anaderen einmal helfen, aber es kann keine einseitiges geben und nehmen sein. bleib bei dir, es zieht dichzunehmend mehr runter, du spürst vielleicht selbst mittlerweile sein unwohlsein und wirst zunehmend handlungsunfähig wie ich höre. selbstliebe ist eine gute eigenschaft, hör auf deine gefühle und handle danach...........bauchgefühle! setz deine grenzen, einfühlsam bist du sicher ausreichend, da musst du dir keine schuldgefühle entwickeln (lassen).
alle liebe
zenia

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