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- Achtung! Sehr lang! - Ich stehe mittags in der Sahara...

1. Februar 2008 um 11:31

... und habe das Gefühl zu erfrieren.

Vorigen Freitag ist mein Opa gestorben.
Ich bin eigentlich bei meinen Grosseltern aufgewachsen. Erst weil meine Eltern immer gearbeitet haben, und dann weil meine Eltern sich getrennt haben. Mein Vater hat mich damals (ich war 10!!!) mit den Worten: "Wenn du zu deiner Mama gehst, hast du keinen Vater mehr!" erpresst nicht zu meiner Mom gehen zu wollen. Meine Mutter war nervlich am Ende und hatte mich die Monate zuvor nicht gerade "liebevoll" behandelt. Mein Bruder kam 8 Wochen zu früh auf die Welt, da hatte mein Vater schon seine "Affäre". Ständige Prügel von meiner Stiefmutter hab ich weggesteckt, wollte meine Grosseltern nicht beunruhigen, wollte ihnen ihre wohlverdienten Urlaube nicht kaputt machen. Nach einem langen Leben voller Arbeit und 5 eigenen und zwei Enkelkindern, die sie in ihrem Leben gross gezogen haben, hatten sie sich das, meiner Meinung nach, verdient. Ich hab still gehalten. Erlitten, geduldet, mich schuldig gefühlt, und immer wieder gehofft, das sich irgendwann alles ändert. Irgendwann hat mein Opa mitbekommen, was läuft. Und hat vor meinem Dad gestanden, der mich an diesem einen Tag vermutlich KH-reif geschlagen hätte, wenn mein Opa nicht dazwischen gegangen wäre. Mein Vater war in der Zeit seiner zweiten Ehe sehr jähzornig und hatte sich kaum noch unter Kontrolle. (Ich hab ihm mittlerweile verziehen, vergessen werde ich das aber nie!)
Jetzt ist mein Opa tot. Geschwächt vom Darmkrebs, der ihm die letzten Monate schwer zu schaffen machte, konnte er letzten Freitag friedlich einschlafen.
Ich bin seit 16 Jahren mit meinem Mann zusammen, dieses Jahr 13 Jahre verheiratet. Um 20.48 Uhr hat mein Opa seine Augen für immer geschlossen. Mein Vater hat mich um 21.00 Uhr informiert. Und mein Mann?

Er sass den Freitag Abend und den Samstag Abend vor einem erotischen Paarechat. Am Sonntag hab ich ihn drauf angesprochen, ihm gesagt, dass mich das verletzt hat. "Du hast doch auf der Couch gelegen und gelesen." war seine Antwort. Ja, ich lese immer Bücher die zugeklappt auf dem Couchtisch liegen. Schon klar. Sonntag abend wieder, ich Couch, er Chat. Er mag Partnertausch, mich stösst es mittlerweile ab, eine Zeitlang war es ja noch ok. Ich habe mich vier Jahre lang prostituiert, weil das Geld hinten und vorne nicht gereicht hat um unsere beiden Kinder zu ernähren. Aufgehört habe ich, als mein Mann meinte er bräuchte eine neue Digitalcamera, und das wären für mich ja maximal zwei Wochenenden arbeiten. Ich habe wieder einen soliden Job. Bei dem ich zwar wesentlich weniger verdiene, aber es tut gut, nicht mehr lügen und heucheln zu müssen. Wenn ich weiter anschaffen gegangen wäre, hätte mich das irgendwann zerstört.

Ich habe Angst, wahnsinnige Angst vor dem Alleinsein. Ich war noch nie allein. In meinem ganzen Leben nicht. Voriges Jahr wollte ich mich von meinem Mann trennen. Mit meinem besten Freund, der gleichzeitig unser Nachbar ist, irgendwo ein gemeinsames Haus mieten und weg ziehen. Dann bekam mein Nachbar einen neuen Job, und das Thema war vom Tisch. Und ich hab mich nicht getrennt. Ich bin geblieben. Habe mir Gedanken über die Vorwürfe meines Mannes gemacht. Dass ICH Schuld daran sei, dass er keinen Kontakt zu seiner Familie mehr hatte. Und dass er niemanden ausser uns hat. Außer mir und unseren Kindern. Mir ist kalt. Ich friere. Innerlich.
Seit Jahren bin ich in einen anderen verliebt. Vielleicht hatte ich gehofft, dass wir doch irgendwann zusammen kommen. Dass ER ahnt, was in mir vorgeht, denn gesagt habe ich es ihm nie. Er war lange Single, doch ich habe immer geschwiegen, aus Angst, einen Korb zu bekommen. Ich zerbreche innerlich, es zerreisst mir das Herz, aber ich mache immer noch das, was ich mein ganzes Leben lang gemacht habe. Ich verstecke mich. Verstecke meine Gefühle tief in mir. Lächele. Sage nicht dass ich das Gefühl habe zu sterben. Nicht, dass es mir das Herz zerreisst. Nicht, dass ich ihn liebe. Und auch nicht, dass ich ihn, gerade jetzt, brauche.
Denn mein Mann ist kein Trost, kein Halt, nicht für mich, und schon garnicht jetzt. Nicht, wenn ihm ein Chatraum wichtiger ist, als mich einfach mal in den Arm zu nehmen. Mich zu trösten, mir das Gefühl zu geben, traurig sein zu dürfen. Aber trennen? Ich kann es nicht. Nicht allein. Meine Ehe bedeutet für mich einen Halt, einen Hafen - Ich kann nicht alleine sein. Schade, dass es nicht der sichere Hafen ist, den ich mir als junges Mädchen erhofft hatte.

Wenn ich eines Tages sterbe, was werde ich über mein Leben sagen?

Ich war ein gutes Kind - nicht immer brav, nicht immer anständig, aber ich habe getan, was von mir erwartet wurde. Ich habe für andere gelebt, für andere geliebt, für andere gelitten. Ich habe mit - weiß Gott wievielen - Männern geschlafen, habe ihnen eine Phantasie erbaut, ihnen gegeben, was sie brauchten, um meine Kinder zu ernähren.

Habe ich gelebt? - Ich denke heute nicht, dass ich diese Frage jemals beantworten kann...

Eins aber kann ich sagen: Meine Kinder und meine Katzen waren mir in meinem Leben immer wichtiger, als mein Glück, mein Leben, meine Gefühle, meine Hoffnungen und meine Liebe... Und ich habe nie einem anderen Mensch wirklich weh getan. Reicht das für ein ganzes Leben? Ich wünschte, mein Opa wäre jetzt hier, und könnte mir einen Ratschlag geben. Ich wollte ihn fragen, letzte Jahr. Aber erst hatte meine Oma einen schweren Schlaganfall, dann hatte Opa die Lungenentzündung, von der er sich nie wieder ganz erholt hat, und zum Schluss den Darmkrebs, der ihn getötet hat. Und ich wünschte, ich könnte die Zeit zurückdrehen, und ihn um Rat fragen... Aber wie so vieles im Leben, weiß man das erst, wenn es zu spät ist...

mit traurigen Grüssen
eine frierende
wetwhore

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1. Februar 2008 um 13:33

AW
Liebe wetwhore,

es tut mir sehr leid mit deinem Opa. Ich kann deine Traurigkeit sehr gut verstehen, mir geht es mit meiner Oma so, sie starb vor 2 Jahren, sie fehlt mir sehr und manchmal wünschte ich mir, die Zeit zurückdrehen zu können. Gerade, weil ich mich auch oft so allein fühle. Ich habe meine Kinder, aber wegen der Trennung und bevorstehenden Scheidung (auch nach 13 Ehejahren) fühle ich mich sehr einsam. Du hast ja auch schon so viel erlebt. Weißt du, ich habe alles für meinen Mann und die Familie getan, aber nie etwas zurückbekommen, ich habe niemandem etwas getan, im Gegenteil. Aber Gerechtigkeit gibt es wohl nicht im Leben. So viele Jahre immer für andere gelebt, jetzt hat er (schon während der Ehe heimlich) mich durch eine andere ausgetauscht, auch nach über 20 Jahren, das macht ihm nichts aus. Weißt du, wenn ich schon Kerle sehe, kriege ich das Würgen. Ich habe überhaupt keinen Wunsch nach einer neuen Partnerschaft, das wird wohl noch ewig dauern. Ich wünsche dir wieder Wärme in deinem Leben und Kraft um alles durchzustehen. Als meine Oma starb, habe ich ein schönes Album angelegt mit vielen Fotos mit ihr drauf. Vielleicht hilft dir das, wenn du das auch machst. Liebe Grüße von Maus487

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1. Februar 2008 um 14:00

"Ich habe Angst, wahnsinnige Angst vor dem Alleinsein..."
Genau hier sehe ich Deinen schlimmsten Feind im Leben. Das ist doch nur eine Gewohnheitsfrage. Habe keine Angst davor, Du kannst das lernen, wenn Du willst. Es ist schön, alleine zu sein. Weisst Du auch, warum? Weil Du dann nicht auf andere angewiesen bist. Jetzt musst Du ja quasi jeden nehmen, der dahergelaufen kommt. Eben, um nicht alleine sein zu müssen. Wenn Du das aber kannst, dann kannst Du wählen. Und automatisch steigert sich die Qualität Deiner Freunde/Liebhaber und Deiner mit anderen verbrachten Zeit um ein Vielfaches...

Deine Ehe ist doch der pure Horror. Was ist das denn für ein Mann? In meinen Augen ist das gar kein Mann...

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8. Februar 2008 um 10:52

Danke dir
Habe jetzt lange über die einzelnen Kommentare hier nachgegrübelt. Und ich denke, du hast Recht. Was mir einfach fehlt ist das Selbstwertgefühl und das Selbstbewusstsein. Ich bin ein zurückhaltender schüchterner Mensch, der dieses aber immer überspielt hat. Man kann lernen es abzustellen oder zu überspielen. Ich tat letzteres. Vermutlich weil es der leichtere Weg war.

lg

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8. Februar 2008 um 11:00
In Antwort auf myf_11895328

"Ich habe Angst, wahnsinnige Angst vor dem Alleinsein..."
Genau hier sehe ich Deinen schlimmsten Feind im Leben. Das ist doch nur eine Gewohnheitsfrage. Habe keine Angst davor, Du kannst das lernen, wenn Du willst. Es ist schön, alleine zu sein. Weisst Du auch, warum? Weil Du dann nicht auf andere angewiesen bist. Jetzt musst Du ja quasi jeden nehmen, der dahergelaufen kommt. Eben, um nicht alleine sein zu müssen. Wenn Du das aber kannst, dann kannst Du wählen. Und automatisch steigert sich die Qualität Deiner Freunde/Liebhaber und Deiner mit anderen verbrachten Zeit um ein Vielfaches...

Deine Ehe ist doch der pure Horror. Was ist das denn für ein Mann? In meinen Augen ist das gar kein Mann...

Ganz so sehe ich das nicht...
Mein Mann ist schon ein Mann. So wie er einen Mann definieren würde. Sein größtes Problem - denke ich mal - sind Gefühle. Er hat immer gesagt bekommen, dass ein Mann keine Gefühle zeigt, und keine Gefühle an sich rankommen lassen darf. Und er tut genau das. Ich weiß, dass er mich - in seiner verqueren Art und Weise - liebt. Aber er hält mich auch für stärker als ich eigentlich bin. Er ist in einer Familie aufgewachsen, die diese Bezeichnung absolut nicht verdient hat. Aber er meint, dass genau DAS Familie ist. Ihn da auf einen anderen Weg zu bringen, scheint mir oft unmöglich.
Im Moment denke ich mal wieder, es wird schon gehen. So wie es immer irgendwie ging. Und dass ich einfach auch mehr an mir selbst arbeiten muß. An meinem Selbstbewusstsein und meiner Selbstzufriedenheit. Danach kann ich dann sehen, wie es weitergeht, ob es weitergeht, oder ob ich einen Schlußstrich ziehe.

lg

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8. Februar 2008 um 11:05
In Antwort auf cajsa_11888070

AW
Liebe wetwhore,

es tut mir sehr leid mit deinem Opa. Ich kann deine Traurigkeit sehr gut verstehen, mir geht es mit meiner Oma so, sie starb vor 2 Jahren, sie fehlt mir sehr und manchmal wünschte ich mir, die Zeit zurückdrehen zu können. Gerade, weil ich mich auch oft so allein fühle. Ich habe meine Kinder, aber wegen der Trennung und bevorstehenden Scheidung (auch nach 13 Ehejahren) fühle ich mich sehr einsam. Du hast ja auch schon so viel erlebt. Weißt du, ich habe alles für meinen Mann und die Familie getan, aber nie etwas zurückbekommen, ich habe niemandem etwas getan, im Gegenteil. Aber Gerechtigkeit gibt es wohl nicht im Leben. So viele Jahre immer für andere gelebt, jetzt hat er (schon während der Ehe heimlich) mich durch eine andere ausgetauscht, auch nach über 20 Jahren, das macht ihm nichts aus. Weißt du, wenn ich schon Kerle sehe, kriege ich das Würgen. Ich habe überhaupt keinen Wunsch nach einer neuen Partnerschaft, das wird wohl noch ewig dauern. Ich wünsche dir wieder Wärme in deinem Leben und Kraft um alles durchzustehen. Als meine Oma starb, habe ich ein schönes Album angelegt mit vielen Fotos mit ihr drauf. Vielleicht hilft dir das, wenn du das auch machst. Liebe Grüße von Maus487

Habe mir...
ein grosses Bild von meinem Opa an die Wand gehängt. Dort wacht er nun über mich. Dort kann ich stundenlang stehen und mit ihm reden. Das Traueramt war für mich die Hölle. Das war schlimmer als alles andere, denn als ich den Sarg in der Kirche sah, wußte ich auch im Herzen, es ist vorbei.
So langsam begreift auch mein Mann, dass ich ihn in dieser Situation gebraucht hätte, er aber nicht da war. Ich nehme ihn wieder mal in Schutz, ich sage wieder, es ist die Art, wie er aufgewachsen ist, die er nicht abschütteln kann. Eben dieses: "Lass nichts an dich ran, ein Mann weint nicht, ein Mann lässt keine Gefühle zu." Mich schmerzt es, er lässt diesen Schmerz nicht zu. Nur ein einziges Mal habe ich ihn weinen gesehen. Als ich mich letztes Jahr von ihm trennen wollte. Das war das erste, und bisher einzige Mal, dass ich das bei ihm gesehen hab.
Danke für deinen Beistand.
lg

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